Hoffentlich keine Utopie – „Someday World“ von Brian Eno & Karl Hyde

Eno Hyde 2014_Credit Perou 800 Kopie

Brian wer? - Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno. Aha. Und der andere? – Hat der was mit diesem Park zu tun? – Nein. Auch wenn Karl Hydes Nachname das nahe zu legen scheint. Jetzt haben das Gründungmitglied und die Stimme von Underworld sowie der Ambient-Erfinder und zur Roxy Music Urbesetzung gehörende Alles-Könner Brian Eno das gemeinsame Album "Someday World" veröffentlicht.

Brian Eno & Karl Hyde
Someday World
Warp / Rough Trade
2. Mai 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Eigentlich kann man sich gar nicht genug wundern: Der "Music For Airports"-Macher, den man wegen seiner omnipräsenten Seriösität am liebsten zu UN-Musik-Beauftragten machen würde,  und der ur-britische Raver Karl Hyde, der mit dem "Trainspotting"-Soundtrack Weltruhm erlangte, machen zusammen Musik? – Dabei handelt es sich in Wirklichkeit viel weniger um einen Clash der Kulturen, als es zum Beispiel bei der Sido und Westernhagen Kollaboration der Fall ist. Nicht nur, weil Hyde und Eno viel eher zu ein und derselben Generation zu zählen sind (die beiden trennen keine 10 Jahre). Dass Eno über einen auf den ersten Blick edleren Leumund verfügt, während Hyde als der kommerziell vielfach erfolgreichere, dafür aber prototypischere Popstar-Repräsentant daherkommt, stellt sich als komplett unrpoblematisch heraus: Beide eint das gemeinsame Faible für Klangexperimente, randseitige Phänomene und eher unbetretene Pfade.  

Das Merkwürdige jedoch ist: An der Oberfläche ist "Someday World" dieser angebliche klangliche Wagemut weiß Gott nicht anzuhören. Wirft man dann noch in die Waagschale, dass der Tonträger auf dem, gern als Innovations-Gewächshaus bezeichnetem Vorzeige-Label Warp erscheint, lässt sich die Enttäuschung fast schon greifen. Neun Songs à durchschnittlich 5 Minuten, keiner davon instrumental, häufiger Duett-Gesang und ein fast schon versöhnlich-nettes Mit- und Nebeneinander von elektronischen und analogen Klangquellen – es gibt Eckdaten, die mit sehr viel mehr Recht das Label "revolutionär" tragen.

Dass sich ein Song wie "Who Rings The Bells" darüber hinaus und in geradezu schamloser Manier am The Smiths Erbe zu vergreifen scheint, wohingegen "I Built This World" wie der Soundtrack zu einem glücklicherweise nicht-veröffentlichten "Metropolis"-Remake klingt und der Album-Closer "To Us All" ein José Padilla Remix eines relativ unbekannten Bread-Songs sein könnte – all das lässt neben vielen anderen vor allem eine Frage offen: Warum?

Zufriedenstellende Antworten liefern Eno und Hyde mit den restlichen zwei Dritteln des Albums. Angefangen bei "Satellites", einem sonderbar bass-losen, aber durch die Bläser-Fanfaren und einzigartige Strophen-Struktur, fesselnd bis hypnotischen Pop-Wunder von Fünfeinhalbminuten Länge. Über "Strip It Down", einer furchtlosen und nach kompliziertem Drum-Programming klingenden Nervös-Nummer, deren an Nick Cave erinnernde Vokal-Spur den Rest des Stücks auf beeindruckende Weise konterkariert. Nicht zu vergessen "Witness", mit dem Eno und Hyde endgültig beweisen, dass selbst nach 35 Jahre Pop-Praxis noch immer Maßgebliches entstehen kann, wenn man sich nicht in Glitz und Glamour verliert.  BB = Bin Beeindruckt.       

Foto: Perou

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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