Im Dienst der Bassdrum – „Play! 05 Live-Vienna“ von Oliver Huntemann

Huntemann8_700

Oliver  Huntemann und seine "Play!"-Serie gehen in die fünfte Runde und wieder heisst das Konzept: Knapp zweieinhalb Stunden Oliver Huntemann in the Mix – live und direkt aus dem Club, ungeschnitten und – was diese DJ-Mix-Reihe insbesondere von anderen abhebt – das Publikum ist dank mitgeschnittener Raumatmosphäre mit dabei, bejubelt die nach den Breaks wieder einsetzende Bassdrum und feiert sich, den DJ und jeden neuen Mix.

Oliver Huntemann
Play! 05 [Live] Vienna
Senso Sounds / Rough Trade
3. Oktober 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Ort des Geschehens ist diesmal, nach Stationen in Sao Paolo, Paris, New York und Melbourne, die Grelle Forelle in der österreichischen Hauptstadt Wien, die sich mit ihren konsequent hochwertigen Bookings in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf unter den europäischen Clubs erspielt hat und sich – folgt mensch den akustischen Eindrücken dieser Doppel-CD – eines formidablen, feierwütigen Publikums erfreut, das auch über die lange Strecke druckvolle, im Gegensatz zum immer langsamer werdenden DeepHouse dieser Tage körperlich durchaus fordernde Sets schnellerer Gangart verträgt.

Und überhaupt, die Musik. Schon mit dem Opener – Josh Winks "Are You There" in der Neubearbeitung von Harry Romero – liefert Oliver Huntemann ein klares Statement und lässt keine Zweifel daran, dass es in den nächsten Stunden der Nacht um gepflegten Druck und amtliche Abfahrt gehen wird und folgt diesem Prinzip stringent. Die Bassdrums marschieren, die Hi-Hats treiben und perkussive Elemente bilden das Grundgerüst der musikalischen Reise durch die technoideren Gefilde des TechHouse-Genres, bestritten mit viel exklusivem Material aus der Feder von Dubspeeka, Andre Winter & Hatzler, Andreas Henneberg, natürlich Oliver Huntemann selbst und vielen anderen Produzenten. Nur gelegentlich aufgebrochen durch kurze, melodische Passagen oder epische, in Teilen fast (neo)trancig wirkende Breakdowns regiert der Beat, begleitet durch gern verspulte, futuristische Basslines, die durchaus in der Lage sind, die Raum-Zeit-Wahrnehmung des feiernden Clubvolks zu alternieren, während Oliver Huntemann scheinbar mit jedem neuen Track noch eine Schippe drauflegt und die Stellschraube für das Energielevel ein wenig weiter anzieht. Dieses geschieht im Sinne der klassischen DJ-Schule, intuitiv und ohne die von vielen Puristen verhasste Sync-Taste.

Vielmehr hört das geschulte Ohr, dass Oliver Huntemann sein Handwerk noch mit Vinyl gelernt hat und diese Art des Mixens auch nach wie vor lebt und liebt, selbst wenn das Trägermedium für den Sound mittlerweile ein anderes ist. Anstatt sich auf die glattgebügelte Arbeit von Algorithmen zu verlassen, wird hier mit EQs, Filtern und Fadern wirklich gearbeitet, Übergänge und Mixes werden ihrem Namen im Besten aller Sinne gerecht, während sich ein Track aus dem nächsten schält – vorsichtig und sanft zuweilen, während sich an anderer Stelle die neue Bassdrum oder HiHat kraftvoll und mit allem ihr innewohnenden Nachdruck ihre Bahn durch das Soundgeflecht bricht, damit der rohen Energie der Nacht Tribut zollt und sich, fehlerfrei und doch durchaus wahrnehmbar, der tanzenden Masse schwungvoll ankündigt, die eben jenes dann auch angemessen honoriert und auch mit zunehmendem Härtegrad in der technoideren zweiten Hälfte dieser Doppel-CD begeistert mitgeht. 

In diesem Sinne ist "Play! 05 [Live] Vienna / Austria" nicht nur ein massives Statement auf Oliver Huntemann's neuem Label Senso Sounds und eine mehr als gelungene Fortsetzung der Play!-Serie sondern auch eine Hommage an die trueskool der DJ-Kultur, die Tracks als Tools im Laufe einer langen Nacht und den DJ als unermüdlichen Musikarbeiter versteht, der durch behutsames Eingreifen in bestehende Klangstrukturen als Zeremonienmeister und -lenker des zelebrierten Tanzes versteht, sich dieser Aufgabe mit Leidenschaft widmet und sich selbst dabei als stetiger Musikarbeiter vollends in den Dienst der Bassdrum und letztendlich damit auch des Publikums stellt, anstatt sich als schillernde EDM-Marionette und LED-behangene Aufzieh- und Winkpuppe des rein kommerziell orientierten Unterhaltungsbetriebes zu positionieren. Mehr davon, bitte.


Foto: Senso

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.