Im Shuttlebus zwischen Himmel und Hölle – Guido Möbius’ “Spirituals”

Juli 27, 2012

Genre-Grenzen einzureißen gehört mittlerweile fast schon zum guten Ton in der mainstreamfernen Musik. Dabei den Bogen von Spirituals ausgerechnet bis hin zu Doom Metal zu spannen dagegen, ist ein Anliegen, das nähere Betrachtung verdient. Dass das dann nicht durch eine Band, sondern einen einzelnen Elektroniktüftler passiert, ist dann fast schon zu viel des Guten. Aber eben nur fast. Was Guido Möbius auf seinem vierten Studioalbum Spirituals präsentiert, muss man nicht lieben, aber zumindest gehört haben.


Guido Möbius
Spirituals

 

Karaoke Kalk / Indigo
20. Juli 2012

 

Erhältlich bei:
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Der Berliner versammelt Stücke unter einem Konzept, die nicht nur klanglich durch Höhen und Tiefen gehen. All Around Me eröffnet das Album wie ein Feuerwerk. Farbenfroh, ballernd und durchaus unterhaltsam. Der Eindruck, dass hier jemand einfach ein Streichholz in die musikalische Trickkiste geworfen hat, wird von der großen Erwartung aufgewogen, die der Albumopener aufbaut. Da gibt es viele tolle Ideen und das beeindruckt! Nur etwas weniger Willkür hätte nicht geschadet.

Die Mischung aus Sounds à la 80er Prince und dem angedeuteten Gitarrenriff aus Can't Stop von den Red Hot Chili Peppers machen das folgende Judgment zu einem der stärksten Songs des Albums. Schade, dass die so entstandene Funkyness vom Schlagzeug und den Hintergrundsounds komplett konterkariert wird. Dennoch zeigt Guido Möbius in diesem Zitatespektakel mehr Gefühl für die Freiräume zwischen den Sounds, als im Eröffnungstrack. In The Right Thing sucht Möbius stimmlich einen Platz irgendwo zwischen Prince und Roy Estrada. Leider findet er keinen. Alas!, the wrong thing.

Godhead Appears nimmt auf vielen Ebenen eine zentrale Rolle ein. Nicht nur als vierter von neun Tracks. Allein durch seine Länge von gut sieben Minuten bestreitet er fast zwanzig Prozent des leider sehr kurzen Albums. Doch auch abgesehen von solchen Äußerlichkeiten ist die Wuchtnummer wesentlich fokussierter, als der Rest des Albums. Hier scheint Guido Möbius eine musikalische Stimme zu finden, der zuzuhören sich lohnt! Die tollen folkigen Vocals Kiki Bohemias, die unter allen Gästen deutlich hervorsticht, runden Godhead Appears zu einer großartigen Neo-Prog-Rock Hymne ab. Hölderlin treffen Caribou. Auf Speed. Sogar die gebetsmühlenartigen Männerstimmen, die fast das ganze Album durchziehen, wirken hier ausnahmsweise nicht fehl am Platz.

Das soll sich in der folgenden Nummer leider wieder ändern. Babylon' Falling ist eine grandios verstrahlte Klangkollage, in der eine ganze Menge passiert. Leider im Hintergrund. Davor ertönt ein ständig wiederholter Satz ohne bemerkenswerte Aussage. Konzept ist das Eine, Redundanz das Andere. Zum Glück sprengt Möbius danach für die nächsten drei Titel die selbstauferlegten Grenzen. Im Falle von The Reign Of Sin leider zugunsten einer unnötigen Albernheit, die auch hier und da schon durchschimmerte.

All Evil Ways macht dann eine unerwartete und klare Ansage. Eine düstere Bombe, die nur Ministry hätten besser bauen können... Der dreckige Kellerclubsound steht dem Ganzen fast besser, als die Stadionattitude des Originals. In Blessed Sleep bleibt er diesem Ansatz grundsätzlich treu, haut noch ein paar Nine Inch Nails in die diesmal bombastischere Klangwand und weidet sich hörbar an dem Doom-Metal-artigen Groove. Nach derartigen Höhepunkten mit einer öden White Metal Hymne zu schließen, grenzt schon an Kriminalität. Auch die lächerliche Kopfstimme kann nicht die Angst mildern, dass jeden Moment ein Spendenaufruf einer teilchristlichen Sekte ins Bildfeld wandert. Humor geht anders. Schade.

Trotz aller Schwächen ist mehr als die Hälfte von Spirituals nicht nur hörenswert, sondern (hoffentlich) wegweisend für einen neuen Umgang mit Musik. Den Rest über sich ergehen zu lassen verstärkt die pseudochristlichen Erfahrung, die das Albumkonzept in sich trägt. Es bleibt zu Hoffen, dass Guido Möbius sich traut, den bier- und jointgesäumten Pfad des Metalgottes weiter zu gehen. Und das er dem Gott der Fischmenschen auf ewig abschwört. Und, dass Kiki Bohemia einen Teil der vor ihm liegenden Strecke mit ihm bestreitet.

photo: roland owsnitzki

Posted by: christian
Gebürtiger Lübecker mit Wohnsitz in Hamburg. Zu jung für Schlager, zu alt für Jumpstyle. Dennoch zweifelhafter Musikgeschmack mit Hang zu Sprunghaftigkeit. Ergo: Schreiberling im Hauptfach Randbezirkige Musik.
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