Jazz not Jazz – „Girl And Robot With Flowers“ von The Greg Foat Group

Filme ohne Soundtracks? – Gibt’s zuhauf. Umgekehrt sieht das schon ganz anders aus. Die Soundtracks ohne Film kann man vermutlich an drei Händen abzählen. Daran wird auch "Girl And Robot With Flowers" nichts ändern. Dass Greg Foat und seiner Gruppe mit diesem filmlosen Soundtrack ein Wurf sondergleichen gelungen ist, ficht das nicht an.


The Greg Foat Group Girl And Robot With Flowers

 

Jazzman/Groove Attack 30. November 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | HHV


Und wenn schon: Unter den Soundtracks ohne Film nähme das vorliegende Werk in jedem Fall eine Sonderstellung ein: "Girl And Robot With Flowers" ist nicht einfach nur Filmmusik für einen nicht existierenden Film. "Girl And Robot With Flowers" ist Filmmusik für einen fiktiven, nicht existierenden Film aus längst vergangenen Zeiten. Ein Film, den es schon vor 40 Jahren nicht gab. Mit der Musik von vor 40 Jahren. Das ist kompliziert und soll auch so klingen.

Warum die Vergangenheit musikalisch eine so wichtige Rolle spielt, dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Foat stammt von der Isle of Wight. Seit jeher war die Insel im Ärmelkanal eine sprichwörtliche Anlaufstelle für Kreuzfahrt-Musiker. Ob nur auf der Durchreise oder an ihrem letzten Hafen angelangt – auf dem Eiland musiziert haben alle. Foat und seine Freunde nicht minder. Statt Mut- gab’s Bandproben. Und mit dem Musikerlatein der Alten vermischte sich eben auch die Musik der Alten. Die insulare Lage tat dann ihr Übriges, eine Art natürliche Abgeschiedenheit war der Konservierung höchst zuträglich.

Wie sehr Foat und seine Mitmusiker unter dem Einfluss eines schwer zu umreißenden "Damals" und "Früher" stehen, deutete sich schon auf dem Vorgänger "Dark Is The Sun" an. Für "Girl And Robot With Flowers" haben sie ihre nur durch das Hören antiquarischen Vinyls geschulten Ohren nochmals gespitzt. Und setzen sich auf diese Weise noch sehr viel deutlicher von Groove-Jazz Kollegen wie James Taylor oder das Unity Sextet ab. Das Besondere dabei ist, dass Foat eine musikalische Tradition wiederauferstehen lässt, die es so nie hat geben können. Fröhlich vermischt er frühen Orgel Prog-Rock im Stile von The Nice und Colosseum mit den typisch bassreichen Instrumentals französischer Frühsiebziger-Soundtracks, etwa von Jean-Claude Vannier  oder Bernard Estardy. Dazu noch drei Prisen Pink-Floyd, Planète Sauvage- und Brian Bennett Space und fertig ist der Filmmusik-Kuchen.

Was an Foats Retro-Rezept so erstaunt, ist dessen Unverwechselbarkeit. Ganz im Gegensatz zu den mitunter kaum auseinander zu haltenden "Klingt alt"-Ansätzen, stellt "Girl And Robot With Flowers" eine denkwürdige Angebotserweiterung des musikalischen Gebrauchtwarenladens dar. Was möglicherweise auch auf den generellen Umgang mit der Bläser-Sektion zurückzuführen ist. Diese fehlt zwar auch hier nicht, kann bei aber Foat gegen die prominent produzierte Rhythmusgruppe aus Schlagzeug, Bass und Tasteninstrument nicht viel ausrichten. Übrigens überdeutlich herauszuhören auf "Girl And Robot With Flowers – Part 3" – jenem Stück, das seine offensichtliche Verwandschaft mit Hard Meats "Freewheel" nicht einmal im Ansatz verschleiert.

Nachtrag: ein solcher Soundtrack braucht keinen Film.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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