Junge, komm bald wieder – Boy Androids “Walk/Run/Flee”

Juli 11, 2012

Fiedler, Rother, Geiselbrecht und Woche – sich aus ihren Nachnamen verkopfte Akronyme zurechtpuzzeln hatten die Mitglieder der Münchener Band gar nicht nötig. Da war Boy Android pragmatisch, irgendwo zwischen büschen kryptisch und ganz weit hergeholt. Außerdem konnte man sich so viel besser auf die Musik konzentrieren. Mit "Walk / Run / Flee" ist nun ihr Debüt erschienen.


Boy Android
Walk / Run / Flee

 

Stickman Records / Soulfood
15. Juni 2012

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes | Stickman Records


Englischsprachiger (Gitarren-)Indie aus Deutschland hat es gar nicht mal so leicht. In Deutschland. Hier unken die Radio-Quoten-Verfechter, dort die teutonischen Sprachschützer und auf der anderen Seite ihre angelsächsischen Kollegen. Wie man's macht scheint's verkehrt. Boy Android schlawinern sich einigermaßen erfolgreich aus diesem Fettnäpfchen heraus. Was zu aller erst an ihrer überzeugenden Interpretation des Unabhängigen Betroffenheits Pop liegt – dass sie die Pioniertaten anderer dabei unangetastet lassen und lieber wohlinspiriert als halbherzig innovativ zu Werke gehen, macht sie noch viel sympathischer.

Mit einer Prise mehr Pop könnten Boy Android vielleicht sogar eine Crowded House-Tour eröffnen. Vielleicht dann mit dem nächsten Album. Was sonst an "Walk / Run / Flee" auffällt – es ist keine Sommerplatte; und passt vielleicht ausgerechnet deswegen so hervorragend zu diesem Sommer. Natürlich sind The Elected optimistischer. Die Nähe zu all den Post-Punk Bands mit Peter Hook-äffinen Bassläufen bei "Out In The Mist" ist offensichtlich. Und der manchmal arg nach "Ich-weiß-doch-auch-nicht-mehr-was-ich-tun-soll" klingende Wehmut von Sänger Hagen Fiedler kommt wohl auch nicht ohne Vorbilder aus. Dass die Grundstimmung eine eher, sagen wir, distanziert-resignierende ist und die Befindlichkeiten sehr viel stärker Richtung inwärts als anderswohin weisen, passt allerdings zum Gesamthabitus von Platte und Band. Die heulenden Wölfe auf dem Cover  versinnbildlichen diese Atmosphäre angenehm stilsicher.

Apropos: kann es sein, dass Boy Android eine verbindliche Stilistik scheuen? – Zumindest auf "Walk / Run / Flee" hat es ganz den Anschein. Gemeint ist hier nicht das Einknicken vor angeblichen Genre-Sachzwängen. Sondern eine wiedererkennbare Formsprache, einen roten Klangfaden, an dem man sich über die Länge eines gesamten Albums entlanghangeln kann. So klingt das Album öfter als einem lieb sein könnte nach einer Alternative-Rock-Compilation: "How Come We Don’t Dance" hätte auch das neue Chris Robinson-Album nicht aus dem Takt gebracht, "The Hours" füllt die Lücke zwischen Postal Service und The Whitest Boy Alive, "Wide Awake" covern vielleicht bald schon Band of Horses. Nicht auszuschließen, dass das Androide im Boy noch zu einer Menge anderer Verkörperungen taugt.

Die beiden überzeugendsten, weil eigenständigsten Tracks des Albums wirken dabei wie eine Klammer – vor dem Hintergrund der nicht von der Hand zu weisenden Parallelen wohlmöglich gar kein schlechtes Album-Konzept. "Control" mit seinem hypnotischen Banjo-Motiv, den überraschenden Akkord-Attacken und dem geräuschvollen Streicher-Geflirre ist schon ganz schön gut. Würde Thom Yorke wahrscheinlich auch so sehen...  Und ganz am Ende erwartet den Hörer mit "This Is Not London" noch eine angenehm unaufgeregte aber auch ein bisschen radikale Zelte-Abbauen-Im-Regen-Und-In-Zeitlupe-Ballade: ungewöhnliche Harmonie-Folgen treffen auf eine Songstruktur, die nur Platz lässt für eine Strophe. Keine mehr und keine weniger.

Boy Android beweisen mit "Walk / Run / Flee", dass vor allem eines machen müssen: noch ein Album.

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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