Kein Abseits – „Für Leute Die Schon Alles Haben“ von Misses Next Match

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"Die Ewigkeit ist viel zu lang, besonders gegen Ende hin". Das ist genau die Art von Aussage, an der sich je nach Tagesform die Geister scheiden. Während die einen besorgt nach freien Hautflächen für ein weiteres Aphorismus-Tattoo Ausschau halten, wendet sich der Rest geistig unterfordert ab. Auf halber Strecke zwischen den beiden Extremen überwintern Misses Next Match (ja, so wie Thiago Silva) und machen Musik "Für Leute Die Schon Alles Haben“.

Misses Next Match
Für Leute Die Schon Alles Haben
Broken Silence Records / Broken Silence
06. Juni 2020
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

So gesehen veröffentlicht das Hamburger Experimental-Pop-Trio mit "Für Leute Die Schon Alles Haben" bereits das zweite Album. Ein Schuh würde aber auch draus, wenn man in diesem Fall von einem zweiten Debüt spräche. So gewaltig ist die Fort- und Weiterentwicklung seit ihrem schon 2009 erschienenen Erstling "Ob Festzelt oder Großraumdisco". Vor fünf Jahren klangen Misses Next Match noch wie Egotronic-Trittbrettfahrer, die sich nichts sehnlicher wünschen als im Vorprogramm von Bratze und Frittenbude zu spielen. Pünktlich zur WM 2014 aber haben die drei an ihrem Sound gefeilt, wie die Nationalelf an Standard-Situationen. Das Ergebnis kann sich nicht einfach nur hören lassen; für dermaßene Eigenständigkeit darf man sich durchaus auf die Schulter klopfen.

Der Trick? – Nicht einfach nur die Agitprop-Schnittmenge zwischen Punk-Gitarre und digitaler Rhythmusmaschine ausloten, sondern an die Tradition repetitiver Minimal-Musik überhaupt anknüpfen. Nein, nicht Terry Riley, Philip Glass und Co. Vielmehr Neu!, Manuel Göttsching, Harmonia und Can bzw. Conny Planks gesammelte Werke. Dann noch ein wenig Liedfett-Liedermacherei unterheben, fertig. Das prädestiniert den Hamburger Dreier quasi zu gemeinsamen Tourneen mit den gleichgesinnten Kultur-Fackelträgern von Klaus Johann Grobe. Mehr noch: Die neue klangliche Ausrichtung am Grenzverlauf zwischen Selber-Machen und Knöpfe-Drücken lässt die Engtanz-Nummern des Albums ("22er", "Kleines Solo" & "Let’s Dance") nicht ganz so kitschig-blöd aussehen wie Vergleichbares auf dem Vorgänger.    

Keine Angst oder schade, leider – das hängst davon ab, auf welcher Seite der Linie man steht - der DIY-Ansatz jedenfalls ist noch immer meilenweit zu hören. "Immer auf Repeat" und das wegen der verunglückten Ibero-Gitarre ein wenig hemdsärmelig geratene "Ein Bau Aus Angst und Hoffnung" sind dafür der beste Beweis. Apropos beste: Die Album-Meisterschaft gewonnen haben "Heute Hat Die Seele Wandertag“ und "Ich Liege im Trend“. Und zwar gleichauf.

Foto: Robert Heckmann

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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