Kitsch Is In The Heart – Damien Rice’s „My Favourite Faded Fantasy“

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Geburtstag hat der Mann einen Tag nach Nikolaus. Verglichen mit der Präsenz Damien Rices in unser aller Wahrnehmung ist der Geschenke bringende Rauschebart allerdings ein regelrechter Dauergast. Kein Wunder, wenn man nur alle elf Jahre ein Album veröffentlicht ("9", der Nachfolger vom Über-Debüt "O", erschien nur auf Druck seines Labels). Jetzt hat sich der 40-jährige Ire "My Favourite Faded Fantasy" getraut.

Damien Rice
My Favourite Faded Fantasy
Warner Bros. Records
31. Oktober 2014
5 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Als "O" 2003 erschien, war sich die Welt einig: Nein, der Rice erfindet das Singer-Songwriter-Rad nicht neu. Und: Ja doch, irgendwas macht er trotzdem anders als andere. Die kaum in Worten zu fassende Andersartigkeit des zarten Männleins, dessen Herzklappen direkt mit den Stimmbändern verwachsen scheinen, hat in großem Maße damit zu tun, dass Rice nie Angst vor Pathos hatte. Im Gegenteil: Die große klangliche Geste inklusive herzzerreißender Dynamik, das war genau sein Ding. Ist genau sein Ding, müsste es angesichts des neuen Albums "My Favourite Faded Fantasy" eigentlich heißen. Und dennoch ist zu spüren, dass etwas passiert ist mit der einst so wohlklingenden und guttuenden Gefühlsduselei des Barden.

Mit der Eröffnung durch den Titeltrack geht es los: Eine elektrische Gitarre? Diverse Keyboard-Flächen? Über sechs Minuten Spielzeit? – Die Bescheidenheit der Mittel scheint für "My Favourite Faded Fantasy" kein Thema mehr gewesen zu sein. Stattdessen erinnert der auch produktionstechnisch aufgeblasene Apparat an Fusion-Verbrechen der 1970er Jahre. Rice' so genannter Trademark, das stetig anschwellende Pathos, die Dynamik um ihrer selbst Willen, funktionierte früher vor allem deshalb, weil sie unter Einsatz spärlichster Mittel realisiert wurden. Was der ausübende Produzent Rick Rubin (ausgerechnet der!) aber auf dem Großteil der Songs auf "My Favourite Faded Fantasy" veranstaltet, ist eine Materialschlacht sondergleichen: Statt Geige und Cello schmachtet auf Songs wie "Colour Me In", "The Box" und "Long Long Way" ein ganzes Symphonie-Orchester. Die vorletzte Nummer "Trusty And True" klingt wie der Titelsong zu einem Bruckheimer-Blockbuster mit Kevin Costner in der Hauptrolle und Hans Zimmer als Score-Komponist – die Art von amerikanischem Herz-Schmerz-Patriotismus eben, der sogar Bruce Willis auf die Nerven geht. Gar nicht erst zu reden vom neunminütigen Möchtegern-Epos "It Takes A Lot To Know A Man", das schlicht sieben Minuten zu lang ist. 

Der einzige, aus Sicht des Autoren, musikalisch handwerklich nicht nur gelungene, sondern das Klangwesen Damien Rice auch am ehesten repräsentierende Songs ist die mit gut fünf Minuten zweit-kürzeste Nummer des Albums "The Greatest Bastard": Der Text? - Eine formvollendete Selbstanklage. Die Tonlage? – Kurz vor’m Heulen.  Die Darbietung? – Als würde er ein Gedicht singen wollen, das kein Song ist. Die Dramatik? – Gerade zwei Mü unter unerträglich, also genau richtig. Wie die erste Single "I Don’t Want To Change You" übrigens auch. Also wenigstens anfänglich. Bis sie aus dem Himmel voller Geigen nicht mehr zurückfindet.

Aber: Nur zwei von insgesamt acht Songs? – Zu wenig. Fazit: Kaum eine Empfehlung.

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