Klang-Kapitän mit Steuer-Board – „Happy Family EP“ von The Micronaut

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Dass sich Stefan Streck Micronaut nennt, geht durchaus als Irreführung durch: Der mit diversen musikalischen Ölen gesalbte Produzent ist überall – nur nicht am Mikrofon. Tja, und mit Schifffahrtskunde hat er genau so wenig zu schaffen. Was für seine aktuelle Veröffentlichung, die "Happy Family EP", auf jeden Fall von Vorteil ist.

The Micronaut
Happy Familiy EP
Analogsoul / Broken Sillence
30. Oktober 2015
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Analogsoul Shop

Denn nach nur einem Hördurchgang wird deutlich: Streck begreift sich als Sound-Lotse. Statt durch die Hochsee und Weltmeere, navigiert er durch den beinahe unendlichen Raum des Schalls. Dabei sind ihm die akustischen Äquivalente von Eisbergen und Kaventsmännern nicht ganz so wichtig. Ihm geht es eher um Details; und um beim Bild zu bleiben: Um Strudel, Sandbänke und andere - verglichen mit Tsunamis und Sturmfluten - geradezu mikroskopische Phänomene. Ein Klang-Kapitän, der mit seinen Hörer nicht auf Wale-Watching-, sondern auf Krill-Watching-Tour fährt.

Jetzt ist aber auch gut mit der maritimen Metaphorik. Zurück zu den Fakten. Wertet man die "Happy Family EP" als Mini-Album, handelt es sich bei der Veröffentlichung um Strecks bereits dritten Longplayer als The Micronaut seit 2012. Die Arbeitswut ist wohl auf den schlichten Umstand zurückzuführen, dass Streck auch als Auftrags-Produzent gefragt ist. Einen Writers-Block kann man sich als solcher nicht leisten, also stellt man ihn ab. Die Folge: Da sammelt sich so Einiges. Das Besondere: Als The Micronaut klingen Stefan Strecks Produktionen immer ziemlich eindeutig nach The Micronaut. Die "Happy Family EP" ist da keine Ausnahme.

Wie auch schon "Friedfish" und "Panorama", besticht sein neuestes Werk durch eine sehr eigene Klangsprache. Damit ist weniger die allgemeine Sound-Ästhetik im Sinne von Produktions-Standards gemeint, sondern die mit einem Sinn für Kontinuität und Bedacht gewählten Klangzutaten. Schreck ist ein Fan von Xylophon/Vibraphon verwandten melodischen Motiven, mächtigen, gebrochenen Beats und kilometerbreiten Flächen, die sich nicht immer zwischen Hammond-Orgel und Billo-Synthie entscheiden können. Darüber hinaus scheint es ihm ein geradezu diebisches Vergnügen zu bereiten, die hauptsächlich digitale Soße mit allerlei akustischen Sprengseln zu garnieren – wie zum Beispiel die Gitarre und der Mittelteil bei dem tollen "Fearful Mum". 

Auf der "Happy Family EP" kommt hinzu, dass sich Schreck wie nie zuvor am Rhythmusgerüst abgearbeitet hat. Der mutmachenden Einfluss von Pionieren aus der englischen Bass-Musik-Szene (Hudson Mohawk, Rustie & Silkie), aber auch die neue Prominenz von Juke- und Footwork-Repräsentanten wie DJ Rashad und Traxman lässt sich auf Songs wie "Lazy Dad", dem etwas zu pathetisch geratenen "Wise Grandpa" und der Zusammenarbeit mit Florian Sievers "Belated Friend" kaum überhören. Gut so. Das Konzept-Mini-Album von Streck dem Klang-Kapitän ist gelungen.   

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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