Knapp daneben & doch im Ziel – „Chemicals“ von The Shoes

BD_The_Shoes_press2015_3_by_Ismael-Moumin

Einen schlechten Schauspieler gut zu spielen, das gelingt nur den wirklich großen. Was das mit Musik zu tun hat? – Es stützt die These, dass möglichst abseitiger Pop vor allem dann gut gelingt, wenn er von Leuten gemacht wird, die knietief mittendrin stecken. Im möglichst diesseitigen Pop. Nur sie wissen, welches Detail wie auf den Kopf gestellt werden muss, um den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Was ein Zufall, dass das französische Duo The Shoes diese Theorie mit ihrem neuen Album "Chemicals" in die Praxis umsetzen.

The Shoes
Chemicals
Green United / Label G.U.M. / Believe Digital / Soulfood
2. Oktober 2015
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Wenn Benjamin Lebeau und Guillaume Brière nämlich nicht als The Shoes unterwegs sind und gern auch mit Gewalt zusammenführen, was nicht zusammengehört, fungieren sie als Produzenten von Woodkid, remixen Shakira oder kämpfen an irgendeiner anderen Mainstream-Pop-Front. Für die Werke unter eigenem Namen wählen sie einen etwas anderen Ansatz. Einen, bei dem es klanglich weniger um den kleinsten gemeinsamen Nenner geht, als vielmehr um die größtmögliche Gegensätzlichkeit der unterschiedlichen Einflüsse. Einen, bei dem das Prinzip ja-nicht-anecken in sein Gegenteil verkehrt wird: Bevor wir fallen, fallen wie lieber auf.

Und nein, mit unhörbarem Noise, Death Metal oder anderem rhythmisch strukturiertem Lärm hat "Chemicals" wenig am Hut. Die bis auf zwei Ausnahmen – "Whistle" und "Made For You" – zehn Songs unterwerfen sich allesamt dem Diktat des Radio-Formats (zwischen 3:30 und 4:20). Sie folgen dem üblichen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Und-Dann-Noch-Was-Zum-Schluss-Muster, lassen sich größtenteils mitsingen (vom "Feed The Ghos" Rap-Track mit den Gästen Blue Daisy, Amateur Best und Black Atlass einmal abgesehen) und verstoßen auch sonst gegen keine offensichtliche Pop-Grundregel.

Trotzdem bleibt das wohlige Gefühl, die beiden schelmischen Franzmänner wollen uns hier ein X für ein U vormachen. Am deutlichsten wird das wohl bei "Drifted", einem Pop-Hybrid aus Belle & Sebastian Herzschmerz und stumpfen Gabber-Geballer von der Sorte Lehnen sogar Scooter als Remix ab. Natürlich wirkt das erst einmal befremdlich. Verblüffend ist daran aber, dass es trotzdem funktioniert. So wie salziges Eis oder Steak mit Erdbeeren. Auch "Vortex Of Love" mit dem Mystery Jets Sänger Blaine Harrison trötet in ein ähnliche Röhre. Nicht ganz so oberkrass, aber die Gegenüberstellung von New Radicals Melodien und einem uralten, aber proto-typischen Jungle/Drum’n’Bass-Beat hat es allemal in sich. Das gilt auch für das gewaltige und mit den Sound-Insignien des modernen EDM überfrachtete "Us & I" – lediglich der angedeutete Shuffle-Rhythmus wirkt wie ein echter Störfaktor.

Dass The Shoes die Fassade der Anti-Haltung nicht durchgehend so hochhalten können, wie auf den eben genannten Songs, und dass sich auf "Chemicals" notgedrungen auch mediokres Füller-Material wie "Give It Away" findet – geschenkt. Der nächste Song auf dem Album ist nämlich das durchgeknallte "15 Instead Brown" – fast schon so, als wollten The Shoes die Angepasstheit des vorangegangenen Tracks mit reichlich Klangwahnsinn kompensieren. Ein Album für Hörer mit offenen Ohren. 

Foto: Ismael Moumin

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.