Lagos Meets London – „Ibibio Sound Machine“ von Ibibio Sound Machine

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Fallen die Begriffe "Nigeria" und "Musik" in einem Satz, lauert Fela Kuti meist schon im nächsten. Das nimmt nicht weiter Wunder: auch die Landsmänner Keziah Jones und Dr. Alban stehen im Schatten dieses Übervaters. Eno Williams, die Sängerin der Ibibio Sound Machine jedenfalls, schickt sich auf  ihrem selbstbetitelten Debüt an, ihr Licht nicht so ohne Weiteres unter Kutis Scheffel zu stellen.

Ibibio Sound Machine
Ibibio Sound Machine
Soundway / Indigo
28. Februar 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Der Fela Kuti Reflex ist ja nicht schlimm – so lange man ihn für das nimmt, was er ist: Ein wichtiges Indiz für das ziemlich vollständige und in Europa enorm weit verbreitete Un- und Nichtwissen über das, was wir glauben "afrikanische Musikkultur" nennen zu dürfen. Der Autor schließt sich explizit mit ein und verspricht, an dieser Stelle Schluss mit dem halbgaren Geseiere über die vermeintliche Kultur-Arroganz des alten Europa zu machen. Apropos: Eno Williams ist gebürtige Londonerin. Wenn auch eine gebürtigerer Nigerianer. Was insofern von hoher Relevanz ist, weil es ihre Eltern und andere Verwandte aus der afrikanischen Heimat waren, deren Märchen, Mythen und Gute-Nacht-Geschichten Eno Williams Kindheit prägten und bis heute das Fundament ihrer lyrischen Exkursionen bilden – so wie hierzulande Andersen und die Gebrüder Grimm, nur eben auf Ibibio, einer der vielen Dialekte, die im bevölkerungsreichsten Staat des Mutterkontinents gesprochen werden.

Der Autor ist froh zugeben zu können, dass die traditionellen Märchen nicht der einzige Hinweis auf die Kultur Afrikas sind (wie hätte er das überhaupt feststellen sollen?), die bei der Ibibio Sound Machine eine Rolle spielen. Dafür verantwortlichen zeichnen die drei Gründungsväter der Sound Machine, Max Grunhard, Leon Brichard and Benji Bouton. Sie waren es, die den Texten Williams jenen musikalischen Nährboden verpassten, auf dem dem dieses erstaunlich merkwürdige und gleichsam komisch eingängige Hybrid aus klassischem Afro-Funk, moderner Bass-Elektronika und nigerianischen Texten gedeiht.

Nicht, dass man so etwas noch nie gehört hätte. Der kleine, aber feine und in diesem Fall entscheidende Unterschied ist, dass die Ibibio Sound Machine sich bei aller traditionellen Verbundenheit das Label „retro“ verbittet. Trotz unüberhörbarer Parallelen und Verbeugungen vor dem Schaffen Kutis, Dibangos und Masekelas – "The Tortoise" erinnert zu allererst sogar an Mandrill - ist die allgemeine Klangsprache ein anderer Schnack. Bassdrum und Produktionsstandard zum Beispiel bei "Woman of Substance" und "Uwa the Peacock" haben mit Henrik Schwarz Remixen sehr viel mehr zu tun als mit Mulatu Astatke; das treibende "Let’s Dance" trägt (um die Gitarren-Parts befreite) Züge von Maserati und der beste Song des Albums "The Talking Fish" mischt Herbie "Headhunter" Hancock mit Little Dragon. Was willste? Mehr? 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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