Lego ohne Anleitung – „From Kinshasa“ von Mbongwana Star

mbongwana pic

Mitten aus der Wiege der Menschheit und damit einem der größten Staaten Afrikas, feilt eine Gruppe aus afrikanischen und europäischen Musikern und Produzenten an neuen, unerhörten Beat-Rezepten. Hauptakteure sind die aus der Asche der kongolesischen Gruppe Staff Benda Bilili auferstandenen Mbongwana Star und der als Doctor L berüchtigte Kiff-Professor Liam Farrell. "From Kinshasa"  ist ihre gemeinsame Kreation.

Mbongwana Star
From Kinshasa
World Circuit / Indigo
15. Mai 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | JPC

Ohne entsprechende Vergleiche ziehen zu wollen: Die Entstehungsgeschichte von "From Kinshasa" scheint der von "Let It Be" gar nicht so unähnlich. Mit dem Unterschied, dass alle Mbongwana Star Mitglieder alles Material auf einmal eingespielt haben, während die Fab Four ihre Aufnahmen so koordinierten, dass sie einander im Studio möglichst wenig begegnen. Die Rollen vom Beatles-Toningenieur Glyn Johns und finalen Produzenten Phil Spector spielt Doctor L in Personalunion. Nach den durch unzählige Stromausfälle sabotierten und durch die Anwesenheit zahlreicher nicht-musizierender Familienangehöriger erschwerten Aufnahmen sezierte der Wahl-Franzose Spur um Spur, und setzte das Tonmaterial nach dem Prinzip Lego ohne Anleitung neu zusammen.

Dass den Schöpfern der ursprünglichen Klänge die von Farrell bearbeiteten Versionen zunächst gar nicht schmeckten, weil sie sich kaum wiederzuerkennen glaubten, ist dann die wohl augenfälligste Parallele zum letzten Album der Vier aus Liverpool. Der Schock oder die Verwunderung – je nachdem – wird greifbar, wenn man sich als aller erstes "Suzanna" anhört, dem siebten Song auf "From Kinshasa": Die elektronisch verzerrte Bass-Drum, die während der ersten 30 Sekunden bei ca. 128 bpm wütet, ist mehr als nur Len Faki Berghain-Techno tauglich. Dass es sich tatsächlich um ein kongolesisches Amalgam aus allen möglichen musikalischen Einflüssen handelt, erschließt sich erst in der Folge. 

Überhaupt: Abgesehen von dem eindeutig als afrikanisch identifizierbaren Vokal-Spuren, dürfte es wohl das größte Verdienst von Doctor L und seiner aufwendigen Post-Produktion gewesen sein, dem Ganzen seine eigene künstlerischen Idiosynkrasien aufzuoktroyieren und "From Kinshasa" so wenig wie nur möglich nach "typisch Afrika" klingen zu lassen. Mit jeweils unterschiedlichen Mitteln: Das hypnotische Zusammenspiel aus Gitarren-Loop und Drum-Programming bei "Kimpala", das klang-gewordene, vor Synthie-Flächen nur so flirrende, vierminütige Sound-Labor "Kala", die Sonnenuntergangs-Ballade "Coco Blues".

Am meisten und deutlichsten heraus allerdings, sticht ein anderer Song: "Malukayi". Die Nummer, die mit den befreundeten Mitgliedern des Konono No. 1 Ensembles entstanden ist, spiegelt vermutlich am besten wider, was das Besondere am Mbongwana Stars "From Kinshasa" ist – ein irgendwie ungewohnter und dennoch sofortig Eingang findender Rhythmus, der mit soviel begeisternder Sturheit und über fast sechs Minuten unverändert vor sich hin groovt, dass man am Ende eben nicht mehr eindeutig sagen kann, ob es sich dabei nun um Fela Kuti, DJ Krush oder doch die Stepkids handelt? Der Beat-Alchimist Doctor L hat mit Mbongwana Star ganze Arbeit geleistet. Hoffentlich bleibt er nicht allein. 

Foto: Florent de la Tullaye

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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