Liebe ist, wenn Dan Snaith poppt – „Love“ von Caribou

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Zuviel Molly oder Elaine? - "So blöd das klingt, die Liebe ist das große Thema dieser Platte. [...] Die Liebe zwischen Eltern und ihren Kindern, oder auch die Liebe zwischen uns und unseren Hörern.". Soweit jedenfalls Dan Snaiths alias Caribous eigene Ausführungen zu seinem neuesten Machwerk "Love".  

Caribou
Love
City Slang / Universal
3. Oktober 2014
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Ob der promovierte Mathematiker möglicherweise das ein oder andere Pillchen zuviel hatte? – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Immerhin schließt er mit: "Ach, das klingt alles furchtbar käsig, erschließt sich aber besser, wenn Ihr das ganze Album gehört habt." Nun - dass die meisten Dinge im dazugehörigen Kontext logischer erscheinen als ohne, wusste auch Dan Snaith schon vorher. Stellt sich also die Frage, warum Snaith mit diesem "Liebe"-Statement jeder Kritik zuvorkommen bzw. ihr vorab den Wind aus den Segeln nehmen will?  

Eine Antwort könnte lauten: Weil jeder Depp nach dem ersten Hördurchgang merken wird, dass es nicht um Liebe geht. Sondern um Dan Snaiths Annäherung an ein ganz anderes Phänomen: Pop. Seit 15 Jahren veröffentlicht Dan Snaith unter diversen Pseudonymen elektronische Musik jenseits des Mainstream-Radars. Für sein bereits sieben Jahre altes Album "Andorra" gab’s den kanadischen Polaris-Kritiker-Preis. Aber erst mit "Swim", dem nicht nur von Kritikern, sondern auch von Millionen Fans gefeiertem letztem Album von 2010, gelang dem Tüftler der kommerzielle Durchbruch. Und Snaith denkt gar nicht daran, diesen rückgängig zu machen.

Künstlerisch integer bleibt er deswegen trotzdem – vom Liebe-Palaver einmal abgesehen. Kein einziger Track auf "Love" erregt den Verdacht, Snaith hätte sich oder sein Schaffen in irgendeiner Weise Kompromissen ausgesetzt. Stattdessen dominiert der Eindruck, dass er sich nach all den Jahren abseits der Haupttribüne ganz bewusst mit dem Phänomen Pop auseinandersetzt - nach dem Erfolg von "Swim" erst recht, möchte man meinen. Der käsige Kitsch, den er nicht nur in Kauf nimmt, sondern mit seiner Stellungnahme erst recht thematisiert, hat nichts mit Romantik, Liebeskummer oder überbordender Emotionalität zu tun. Der käsige Kitsch, das ist der Stoff, aus dem Popmusik gemacht ist: Klischee-Themen & -Phrasen, Wiederholungen, ein kleines, aber weit verbreitetes melodisches und harmonisches Vokabular, Sounds, die der Zeitgeist als Mode diktiert. Auf "Love" hat sich Snaith diesen Dingen genähert, sich mit den dazugehörigen klanglichen Phänomenen auseinandergesetzt und in Einklang mit der ihm eigenen Ästhetik gebracht.

Herausgekommen ist ein ziemlich fesch produziertes Pop-Album, das keins sein möchte. Aber wer kann schon aus seiner Haut? – "Silver", "All I Ever Need" und "Dive" sind Slow- bis Mid-Tempo-Gehversuche, die mit AlunaGeorge, Disclosure, SBTRKT und anderen britischen Pop-Bass-Spezis sehr viel mehr gemein haben als mit dem, was Snaith unter dem Namen Daphni so veranstaltet. Würden sich die Synthies nicht ständig selber neu-stimmen bzw. systematisch eiern, wäre auch das verstörende "Second Chance" mit von dieser Partie. Allein: Snaiths Soundkonzept, das im Wesentlichen auf den Kontrast von digitaler Akkuratesse und geräuschhafter Alleatorik setzt, geht dabei nicht wirklich auf.

Anders als bei "Our Love" und "Your Love Will Set You Free" – zwei von insgesamt fünf Up-Tempo-Nummern, die auf "Love" vor allem als Schadenbegrenzer fungieren. Der dritte im Bunde – "Julia Brightly" - ist eine sowohl ein- als auch ausgefadete gut zweiminütige Frechheit, wenn nicht gar Zumutung. Und die beiden übrigbleibenden - "Mars" und "Can’t Do Without You" – bleiben die einzigen wirklich zwingenden Gründe, dieses Album zu kaufen. Soviel weniger hätte es den Rest gebraucht. 

Foto: Thomas Neukum

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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