Love Me Gender – „Olympia“ von Austra

austra

Meine Güte – hätte nie für möglich gehalten, dass einem die so genannte Gender-Debattiererei so sehr auf den Sack bzw. die Stöcke gehen kann. Einer von vielen unrühmlichen Höhepunkten in dieser Hinsicht war die Verquickung von feministischer Ideologie und Pop à la The Knife. Wer meint, Austra und ihr zweites Album "Olympia" wären Gefechtsgraben-Kameraderinnen an der Geschlechterfront, muss sich eines Besseren belehren lassen.

Austra
Olympia
Domino Records / Good To Go
14. Juni 2018
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Ob die Menschheit wirklich besser wird, wenn Frauen sich an männlichen Affenfelsen-Alphatieren orientieren zu beginnen, ist glücklicherweise eine rhetorische Frage. Die auch Austra nicht einfach mit einem Album und 12 Songs beantworten. Selbst wenn Das Geschlecht eines jener Themen ist, dass die inzwischen auf ein Sextett angewachsene Truppe um Sängerin und Masterminderin Katie Stelmanis umtreibt. Für die Einsicht, dass es mit der Message durchaus subtiler gehen kann als vom schwedischen Vorzeigegeschwisterpaar und deren letztem Erguss "Shaking The Habitual" vorgemacht, ist der Autor mehr als dankbar.

Und so steht trotz möglicher Sub-Texte vor allem die Musik im Vordergrund. Auf deren möglichst punktgenaue Ausarbeitung Austra bei diesem Album einen Großteil mehr Wert gelegt haben als noch beim Vorgänger. Mit erfreulichem Ergebnis: Detailreich arrangierter, mitunter komplex strukturierter und den Ohren grundsätzlich immer schmeichelnder Pop mit mehr als nur einem leichten Hang in Richtung Elektronika. Regelrecht seltsam daran ist, dass die klinischen Bedingungen, unter denen die Musik produziert wurde, den Assoziationen von natürlicher Weite in keiner Weise widersprechen. Trotz der Terrabytes an Digitaltechnik evozieren die zwischen Björk, Annie und Alison Moyet mäandernden Vokal-Qualitäten Stelmanis vor allem pastorale Panoramen: Steppen, Bergmassive, Salzseen, Steinmeere.

Das ist auch deshalb so seltsam, weil Stelmanis Stimme alles andere als ungekünstelt daherkommt: Voller barocker Verzierungen, einem nicht abstellbaren Vibrato und einem Timbre mit der Lizenz zum Kristallsplittern. Aus diesem Kontext herausgerissen, bietet „Olympia“ rein musikalisch wenig Bahnbrechendes. 4-To-The-Floor-Pop jeder Coulor gibt den Ton an. Mal housig ("Annie (Oh muse, you)"), mal Euro-Dance ("What We Done"), mal technoid ("Painful Like"). Und jede Menge 1990er. Insofern lässt sich zusammenfassen: Dee-Lite minus Party plus Solzialwissenschaftspoesi. 

Foto: Norman Wong

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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