Machen Dir den Nackenöffner – „Das Nation“ von DŸSE

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Die Kunst geht nach Brot. Manchmal aber gibt es trotzdem Kuchen. Die letzte Kaffeekränzchen-Phase bescherte der Welt Grunge samt Rattenschwanz. Alternativ war plötzlich kein Schimpfwort mehr, sondern ein Zauberwort vom Schlage Abrakadabra. Mit "Das Nation" knüpft das DŸSE-Duo an dieses letzte aufregende Kapitel der Musikindustrie, wie die Welt sie im 20. Jhd kannte, an. Und zwar ohne auch nur den Hauch von Rückwärtsgewandheit.

Dyse
Das Nation
Cargo Records / Cargo Records
21. März 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Zu dieser Behautpung steht der Autor selbst dann noch, wenn er die wesentlichen klanglichen Wahlverwandschaften eben auch in jener, zurückliegenden Zeit verortet. Ohne Hörlupe erkennbar standen Fugazi, Helmet, Biohazard und Sick of it All für "Das Nation" ebenso Pate wie alle anderen, am Gitarren-Ufer des Crossover-Flusses Ansässigen. Mit den Metal-Erneuerern teilen DŸSE das Tempo-Limit, das bei näherer Betrachtung den Aggressionsfaktor eigentlich nur erhöht; ein Faible für groovende Rhythmen, ungewöhnliche Songstrukturen und sprachlichem Minimalismus.    

Apropos: Obwohl von Gesang nicht wirklich die Rede sein kann, sollte auf keinen Fall untergehen, dass Andrej Dietrich und Jarii van Gohl ein weiteres kleines Kunststück gelingt: Sie singen auf Englisch ohne anmaßend zu wirken und bedienen sich gleichzeitig ihrer deutschen Muttersprache, ohne in Peinlichkeit zu zergehen. Mehr noch: Wie man bei "Nackenöffner" und der Single "Spinne" sehr gut nachhören kann, sind DŸSE stimmlich derart variabel, dass es ihnen beinahe mühelos gelingt, innerhalb eines Songs, von moderner Hubert von Goisern Folklore, über The Doors ähnliche Blues-Röhrigkeit bis zum infernalischen Schrei-Geräusch und zurück zu wechseln. Über Gitarre-Schlagzeug-Duos ohne Tieftonfundament ist auf JOINMUSIC ja bereits häufiger berichtet worden; ohne jeden Zweifel gehören die beiden zu den Versiertesten innerhalb dieser sehr speziellen Band-Konstellation.

Obwohl ihr instrumentales Können das ohne Weiteres hergäbe - Math-Rock kann man das, was DŸSE da machen, dennoch nicht nennen. Dafür sind Songs wie "Reudikamm", "Dysenation" (Ist das ein Tuba?) und "Sie ist Maschin [sic!]" dann glücklicherweise doch zu gerade. Der zwar humorvolle, aber dennoch Totalausreißer "Out of Tune" wird gepflegt ignoriert und weil es eh gerade um Mathematik geht: Bei aller Lobhudelei hätten sich DŸSE ausrechnen können, das keinem Hörer die Spielzeit von noch nicht einmal 40 Minuten gefallen kann. Na, dann beim nächsten Mal.

Foto: Stefan Böhlig

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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