Morromorphose – „We Move“ von James Vincent McMorrow

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Man macht sich ja so seine Gedanken. Als Über-Musik-Schreiber. Bei einer Album-Rezension ganz besonders. Man hört. Und recherchiert. Und findet dann raus: Die globale Kritik für James Vincent McMorrows neues Album „We Move“ einigt sich auf die Nenner Drake-Produzenten, Immer-Noch-Falsett, Bon Iver, Endlich-Richtige-80ies-Hip-Hop-Beats und Metamorphose (oder auch Morromorphose wie im Falle des Autoren Valentin Erning). Und schwupps – ist man erneut beim Sich-Gedanken-Machen.

James Vincent McMorrow
We Move
Believe Germany / Soulfood
02. September 2016
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HVV

Offensichtlich ist ein Großteil, wenn nicht sogar alle, dieser Zuschreibungen durchaus zutreffend. Der McMorrow klingt noch immer, als stünden seine Stimmbänder auf der Liste der bedrohten Arten ganz oben. Die auf „We Move“ verantwortlichen Knöppedreher haben sich ihre Meriten tatsächlich u.a. beim derzeit einzigen kanadischen Superstar (wie, Justin Bieber?) verdient. Und sogar die unterstellte Metamorphose weg vom letzten bisschen Lagerfeuer-Indie hin zum vollumfänglichen Synthie-Pop ist nicht wegzudiskutieren. Aber: Ist das alles, was der Waschzettel hergegeben hat? Ist das die wirklich einzige Perspektive, die man zu „We Move“ einnehmen kann?

Nicht, dass der Autor hier falsch verstanden wird. Es ist keineswegs so wie mit der Scheiße und den Millionen Fliegen. „We Move“ ist das dritte tolle Album des irischen Songwriters. Und es ist bereits das Zweite nach „Post Tropical“, auf dem er den hörenden Gewohnheitstieren Haken schlägt, die sich gewaschen haben. Das Ergebnis ist eine höchst moderne und in großem Stile zeitgeistige Platte; es ist die pop-affinste, die sich McMorrow bisher getraut hat. Mit Bon Iver und Chet Faker (den es jetzt übrigens gar nicht mehr gibt) aber hat das alles nichts zu tun. Wohl aber mit der Lücke, die zwischen How To Get Dressed Well und Alt-J klafft.: Ver-nerdete Schwiegersohn-Wanna-Be’s, denen man weder ihre Dämonen noch ihre beängstigende Risikofreudigkeit auf den ersten Blick ansieht. Dafür fehlen ihnen die weltweit etablierten Insignien: Vollbart, Tätowierungen, super-extravagante Modestrecken in den In-Magazinen von heute.

Und darin besteht dann auch McMorrows eigentliche Leistung: Einmal mehr tatsächlich ernst gemacht zu haben mit dem Vorhaben, es auf einen Versuch ankommen zu lassen; keinen zielgruppen-gerechten Kompromiss einzugehen, sondern mit scheinbar nicht zusammen in ein Studio gehörigen, geschweige denn gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten befähigten Spezialisten aus Musikgenres, die sich fremder nicht sein könnten. Sich auf das Ergebnis dieser Kollaborationen einzulassen – selbst dann, wenn das Resultat – aus Sicht des Autoren – nicht an die außerwirkliche und überirdische Schönheit von „Post Tropical“ heranreicht.

Foto: Sarah Doyle

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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