Bauernschlaue LPG – „No Blues“ von Los Campesinos

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Als wäre eine normal große Band nicht schon genug Trouble. Kein Wunder, dass so Kollektive - gerne auch in Primzahlen-Größer-Als-Sieben-Besetzungen – nicht nur von Tea Party Animals für sozialistischen Quatsch von Obamacare ähnlichen Ausmaßen gehalten werden. Dabei steht doch fest: egal, wie doll und oft sich die Musik-Kommunarden hauen oder herzen, das Klangergebnis ist in der Regel fruchtbarer und vielschichtiger als beim Lagerfeuergitarren-Einödi. "No Blues" von Los Campesinos macht da keine Ausnahme.

Los Campesinos
No Blues
Turnstile / Pias Coop / Rough Trade
01. November 2013
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Dass es die Bauern mit ihrer von sozialen Spannungen selbstverständlich nicht befreiten Kollektiv-Zone überhaupt bis zum fünften Album geschafft haben, ist schon allerhand. Dass es ihnen darüber hinaus gelungen ist, diese Erfahrungen so musikalisch wie nur möglich in die gemeinsamen Klang-Ergüsse einzuarbeiten, qualifiziert sie kurzerhand für den Kollektiv-Olymp, nicht unweit von Broken Social Scene, Architecture in Helsinki und 17 Hippies. Und doch besteht zu den Genannten ein wesentlicher Unterschied: Denn trotz allerlei für den PopRock-Kontext reichlich exotischer Klanganekdoten, bleiben Los Campesinos unverkennbar eine Gitarren- und nicht zu sagen Alternativ-Rock-Band. Und damit eher ein musikalisches Bauchgefühl denn minutiös geplante Songskizze. Wer nicht genau weiß, warum das etwas Gutes sein soll, dem kann der Rezensent leider auch nicht weiterhelfen. Heute nicht.

Weil die Dinge so sind, wie eben beschrieben, fallen einem auf der Suche nach Klangparallelen eben auch eher Okkervil River ("As Lucern/The Low") und Modest Mouse ("Glue me") ein. Und wenn "Portrait of The Trequartista As A Young Man" nicht einmal im Ansatz auf die Pixies zurückzuführen sein sollte, ist die Erde vielleicht doch eine Scheibe .... Apropos Vorurteile: Aus der Hörperspektive des Autoren klingen Los Campesinos ganz und gar nicht nach Britannien, geschweige denn Wales. Aus der Hörperspektive des Autoren klingen Los Campesinos wie Lambchop mit ganz dicken Eiern. Und davon haben alle was: Lambchop, Los Campesinos und die Hörer.

"No Blues" ist eine von diesen seltenen Platten, denen man ihr unglaubliches Klangpotential zunächst nicht abnehmen will. Auf den ersten Blick ist das alles zu wenig hintergründig, zu plakativ, zu – wie man über’m großen Teich gerne sagt – up front. Dabei hätte es mit Blick auf die erste Single "Avocado, Baby" nur eines gezielten Hinhörens bedurft, um diesen Vorwurf zu entkräften. Denn da ist schon alles drin: Groove, Gitarrenwände, Kinderchöre, Effekthaschereien und Hooks wie eine nicht ganz ausgekratzte Teig-Schüssel: man langt so lange zu, bis nichts mehr da ist, nur noch Bauchschmerzen, oder beides. Verzeihlich, dass das arg herkömmliche "Let It Spill" und das nach gewollt klingende "The Time Before The Last Time" es zum Ende noch einmal spannend machen mit dem bandinternen Qualitätsmanagement. Und weil sich die Los Campesinos zwar Bauern nennen, aber keine sind, endet dieses großartige Album mit der Versöhnnummer "Selling Rope". Pflichtveranstaltung!    

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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