Kulturrevolution? – „Nova Heart“ von Nova Heart

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Es gibt sie also doch. Geschichten, so abstrus und unwahrscheinlich, dass wir sie noch nicht einmal dann glauben, wenn in Hollywood das Sequel längst abgedreht ist: Eine Bob-Mannschaft aus Jamaika, medizinisches Marihuana in Montana und Katar als Austragungsort einer Fußballweltmeisterschaft. Mit "Nova Heart" von Nova Heart kommt nun auch noch heißer Indie-Scheiß aus China dazu.

Nova Heart
Nova Heart
Staatsakt / Universal
2. Oktober 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Bandcamp

Nova Heart ist der Name jenes Pekinger Trios, das der Charlotte Roche Chinas – Helen Feng - reichlich unverhohlen als musik-kreatives Solo-Ventil dient. Geboren in China, aufgewachsen und sozialisiert in Nordamerika, etablierte sich Feng nach ihrer Rückkehr als eines der MTV-Gesichter Asiens. Von dort aus war es nur noch ein kleiner Schritt hin zum eigenen Interpretentum. Zehn Jahre nach der Gründung ihres ersten Band-Projekts schickt sich Frau Feng nun an, mit dem offiziellen Debüt-Album ihrer aktuellen Combo Nova Heart auch außerhalb Chinas Gehör zu finden.

Klar: Ein englisch-sprachiger Name hilft, dass Feng die Songs nicht auf Chinesisch singt, auch. Viel entscheidender aber dürfte sein, dass die Musik auf "Nova Heart" vollkommen unabhängig von ihrer Provenienz überzeugen. Die von Feng administrierte Mixtur aus akustisch-organischen sowie digital-elektronischen, aus Alt-Mach-Neu und aus Neu-Mach-Noch-Neuer Elementen entzieht sich zwar nicht kategorisch jeder Beschreibung, wohl aber einer in nur einem Satz. Wenn beispielsweise Die Heiterkeit öfter Hot Chip hören und Little Dragon von The Whitest Boy Alive gecovert würden, wenn The Clash wenigstens einmal mit New Order ein uneheliches Kind gezeugt hätten und Liquid Liquid Peaches Backingband gewesen wären, dann hätte man möglicherweise passendere Vergleiche an der Hand als Chinas Blondie, bzw. Alison Moyet meets Patti  Smith. Apropos: Bei der "Because The Night"-Chanteuse hat Frau Feng sich immerhin mit einem Cover von "Dancing Barefoot" bedient. So abwegig wie es auf den ersten Blick scheint kann zumindest diese Hör-Assoziation gar nicht sein.

Obacht: Wer nach den bisherigen Zeilen davon ausgeht, Nova Heart sei irgendwie eine Retro-Rock- oder Sonstwas–Veranstaltung, muss entweder noch mal lesen oder den Autoren zwecks Interpretations-Nachhilfe kontaktieren. Trotz aller offensichtlichen Anleihen (klar aus der Vergangenheit, woher sonst?!), lassen sich acht von elf Songs auf "Nova Heart" als sehr eindeutig aus der Jetzt-Zeit stammend identifizieren. Lediglich das famose "Lackluster No.", der Rumpelbeat von "Queen is dead" und das aus unerfindlichen Gründen nicht auf dem Drive-OST enthaltene "Right Wrong" streuen Zweifel bezüglich ihrer Entstehungszeit. Dass sich "Evil" annimmt wie ein Mashup aus Stevie Nicks und Cerrone, dass das famose "Starmaker"auch in Larry Levans Garage funktioniert hätte und der überaus gelungen pulsierende "My Song 9" quasi nach einem Adrian Sherwood-Remix schreit, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Songs produktionstechnisch Kinder ihrer, also unserer Zeit sind. Was Helen Feng als Nova Heart veranstaltet ist derart erhaben, dass sogar Füller wie "No Controversy" nicht wirklich ins Gewicht fallen. Stark!   

Foto: Renhang

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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