Nu House Not Nu House – „Flying Circus“ von Pysh

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Gut 15 Jahre nach dem Nu-Jazz-Boom erlebt diese besondere Spielart elektronischer Tanzmusik gerade so etwas wie einen dritten Frühling. An der Schnittstelle zwischen (gern auch) vertrackten Rhythmen, Brazil-Percussion-Samples und verminderten Sept-Akkorden in Subbass-Regionen darf wieder gewerkelt werden, als hätte es Nicola Conte, Jazzanova und das Londoner West-End nie gegeben. Mit "Flying Circus" zeigt Pysh, wie es auch gehen kann.

Pysh
Flying Circus
Einmusika Recordings
28. Februar 2014
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Wie sehr auch der Dancefloor nach wiederkehrende Moden giert, wird auf "Flying Circus" erstmalig bei "Clint Westwood" deutlich. Was Pysh hier zusammenschustert, ist ein Sammelsurium an und aus Retro-Stilen (ein mit 2-Step flirtender House-Beat trifft auf ein Dub-Bass-Motiv und wird von einem Vocal-House-Schnipsel inklusive Soul-Piano ergänzt), das aber eben nicht nur dann Vergnügen bereitet, wenn jede einzelnen davon auf’s Gratewohl identifiziert werden kann. Aufwendige Rhythmus-Tracks gehen auch sonst als Alleinstellungsmerkmal Pyshs durch. Davon zeugt neben "This Is Madness" vor allem auch der Titeltrack "Flying Circus". Dessen mehr als markanter Basslauf ist es auch, der Pysh als Gesinnungsgenosse von Wareika, dop und damit all jenen entlarvt, die sich dem Experimentieren mit richtigen Instrumenten im Techno-Kontext verschrieben haben.

Man muss das nicht alles bedingungslos abnicken. Die Flöte im Album-Opener "Little Big Planet" zum Beispiel hätte auch schon zu Acid-Jazz Zeiten verboten gehört. Und das südamerikanisch anmutende Gitarren-Sample auf "Aguero" klingt auch alles andere als notwendig. Halb so schlimm ist's trotzdem. Weil Pysh mit Hilfe seiner rhythmischen Fachkenntnis von derartigen Nichtigkeiten ablenken kann, wie nichts Gutes: Während es von unten ruckelt, drückt und schiebt, sorgen die Rasseln, Schellen und Becken in etwas höheren Frequenzkorridoren für eine unausweichliche Ereignisdichte. Wenn dann, wie etwa in "Saint Greed", der Master of Ceremony auch noch seinen karibisch informierten Senf dazugibt, wird der Alles-In-Einen-Topf-Ansatz zu einem wunderbar zwingenden Hauptgericht auf dem Plattenteller.

Die Hip Hop lastige, weil hauptsächlich auf Sampeln basierende Pysh-Methode wird merkwürdigerweise nirgends so deutlich, wie auf dem Quoten-Halftime-Track "Wakie Wakie". Quasi in Zeitlupe und deshalb auch für Außenstehende gut nachvollziehbar, baut hier ein fremdmusikalischer Schnipsel auf dem anderen auf, bis sich der Track am Ende in voller Blüte präsentiert. Und ganz nebenbei gelingt Pysh eine der besten Nummern, die Nightmares On Wax in diesem Leben nicht mehr gebacken kriegen werden. Schön, schön.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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