Hätte Hendrix nie gewagt – „Nylon“ von Michalis Moschoutis

moshoutis

Gitarre, die. Akustische. Kaum ein Instrument, abgesehen von Harfe und einer sich nicht in Kinderhänden befindlichen Blockflöte, dem ein wohl friedvolleres, harmloseres Image anhaftet als ihr, weckt sie doch Assoziationen von Folk, Lagerfeuer, Singer-Songwriter und angenehm zeitloser Harmonie. Im Regelfall auch zu Recht.

Michalis Moschoutis
Nylon
Holotype Editions
13. November 2015
7 / 10
Erhältlich bei | Holotype Editions Shop

Dass die akustische Gitarre jedoch auch ganz anders kann, zeigt sich in den Händen des griechischen Musikradikalisten Michalis Moschoutis, der mit seinem jüngst auf Holotype Editions erschienen Album "Nylon" die Grenzen des Instruments bis ins Extrem dehnt und die Vorstellung des reinen Gitarrenklangs vollends sprengt. Moschoutis reduziert das Instrument konzeptionell auf seine physische Beschaffenheit als klingendes Stück Holz mit sechs Nylonsaiten daran, schert sich einen Dreck um Konventionen und improvisiert in einer selten gehörten Brutalität drauflos, deren physische Intensität nicht nur akustisch erfahrbar wird, sondern trotz aller inhärenter und zuweilen schwer fassbarer Abstraktion auch von einer archaischen Interpretation von FreeJazz geleitet scheint, vorhandene Virtuosität gegen den Wohlklang pervertiert und jedes Element des Gitarrenspiels erfahrbar macht – sonst eher unerwünschte Nebengeräusche inklusive.

Einzig der dronig düstere, fast mittelalterlich zeremonial anmutende Track "There Is Only Us" bildet im Mittelteil des 35-minütigen Albums einen quasi-melodiösen und doch repetetiven Kontrapunkt zum sonst vorherrschenden Trommelfeuer aus quietschenden, teils auf das Griffbrett zurückschlagenden Saiten, sich biegendem Holzkörper, kratzenden Fingernägeln und knarrenden Wirbeln, die für den gemeinen Wohlklangästheten wohl Anzeichen einer physischen Attacke auf das Instrument gleichkommen dürften, im Laufe der voranschreitenden Albumspielzeit und vor allem bei wiederholtem Konsum jedoch eine nicht zu verleugnende Faszination entwickeln.  So verwandelt sich das Hochgeschwindigkeitspicking in "Mother Tongue" beispielsweise in eine verzerrt-psychedelische Bluesinterpretation und das finale "With A Strong Sense Of Purposelessness" bearbeitet die Saiten statt mit Fingern oder Plektrum gar mit einem Bogen und entlockt ihnen auf diese Weise eine bisher ungeahnte, tieftraurige Melancholie mit nahezu cineastischer Qualität.

Durchaus kein einfaches Werk für eine dank Limitation auf maximal 300 Hörer beschränkte Zielgruppe, das jedoch neue, spannende Perspektive eröffnet und die Wahrnehmung der akustischen Gitarre radikal zu verändern vermag – wenn mensch sich darauf einlässt.

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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