Ohne Grenzen – „Herz Aus Gold“ von Die Heiterkeit

Die Heiterkeit kennt keine Grenzen. Und das wäre angesichts des "Herz aus Gold" ja auch gelacht. Apropos: Ob Zeilen à la "I Touch You With My Heiterkeit" der Heiterkeit letzter humoristischer Schuss sein sollen oder Teil des expliziten Hauptsache-Selber-Machen-Ansatzes sind, kann jeder Hörer und jede Hörerin von seiner bzw. ihrer Tagesform abhängig machen. Das tun die drei von Heiterkeit genauso ...


Die Heiterkeit Herz Aus Gold

 

Staatsakt / Rough Trade 24. August 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Wenn das Trio Heiterkeit eines nicht ist, dann heiter. Das Wörtchen "Heiterkeit" impliziert eine irgendwie unbeschwerte, leicht naive und nicht zwangsläufig tiefgründige Freude. Eine Operette ist heiter, Mario Barth ist heiter und Stefanie Hertel – die übrigens ganz besonders. Stella Sommer, Rabea Erradi und Stefanie Hochmuth sind’s nicht. Allerdings erwartete auch niemand von Die Braut Haut Ins Auge, dass ihre Mitglieder erstes verheiratet sind und sich zweitens ständig prügeln. Dennoch hat die Diskrepanz zwischen den Verheißungen des Bandnamens und der ihnen so gar nicht entsprechenden Musik etwas Frappierendes.

Das fängt schon beim Timbre der Sängerin Stella Sommer an. Die Tonlage irgendwo zwischen Ulla Meinecke und Nico, in der Ausführung aber eher in Richtung Velvet Underground Muse schielend, scheint Schenkelklopfer-Stimmung per se zu unterbinden. Diese Tendenz setzt sich auch in Sachen "Aussage" und "Inhalt" mühelos fort. Ob Phrasen wie "Alle Menschen mögen mich, alle Menschen", "Solange es Euch gut geht, bin ich auch zufrieden" oder "Suche Feinde, biete Gegner" überhaupt von der nach oben offenen Heiterkeits-Skala erfasst werden bzw. auf ihr stattfinden, lässt sich wahrscheinlich auch ohne taschenrechner-gestützte Erhebungen ermitteln. Die spartanische Instrumentierung, tatsächlich reduziert auf ein nicht weiter zu verkleinerndes Minimum, erledigt den um jeden Lustigkeits-Faktor bereinigten Rest.

Dass "Herz aus Gold" einem trotzdem ein Lächeln auf die Trommelfelle zaubert, hat damit zu tun, dass Die Heiterkeit weniger distanziert, als vielmehr entrückt, nicht zynisch, sondern stoisch daherkommen. Selbstredend sorgt der DIY-Ansatz bei dieser komplett effekt-freien und scheinbar nur von Mutter Natur produzierten Platte für einen ganz eigenen und dann eben doch nicht humorfreien Charme. Die geplant unfreiwillige Komik ist  sympathisch, weil sie einem nicht als Marketing-Konzept auf den Kopf haut, sondern sich als Ergebnis einer "Nicht-So-Doll-Anstrengen-Das-Bringt-Ja-Doch-Nichts"-Maxime zu erkennen gibt.

Deswegen wäre es auch unangebracht, bei den Tempi-Wechseln wie zum Beispiel in "Die Liebe eines Volkes" oder "Süß, wie man es sein kann" musikologische Analyse-Werkzeuge zum Einsatz zu bringen. Notations-Konventionen stehen hier noch nicht einmal im Hintergrund. Erstmal machen und dann weitergucken – das macht die Heiterkeit zu so etwas Besonderem.

Anders ausgedrückt: so lustig wie Carissa’s Wierd sind Die Heiterkeit allemal. An den Abgrund tiefer Traurigkeit des inzwischen nicht mehr existenten Band-Kollektivs aus Seattle reichen sie glücklicherweise nicht heran. Und jetzt: anhören ist silber, das Herz ist aus Gold. Cheers!

photo: Gesa Trojan

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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