Perfekt – „River Of The Red Planet“ von Max Graef

Max Graef 2

Max Graef? Kam dem Autoren zunächst als einer von zwei Interpreten-Namen für den Ultimate Rave Mix von "Am Fenster" unter, dessen abenteuerliche Mischung aus Elektrochemie LK–Härte und Body&Soul-Wärme für geistreiche "Ahs" und "Ohs" sorgte und die Erwartungshaltungen auf das Debütalbum des Berliner Jungspunds auf Sherpa-Niveau trieb. Jetzt ist "Rivers of the Red Planet" draußen wie auf Bewährung – und das vorläufige Fazit lautet: So sehr kann man sich täuschen.

Max Graef
Rivers Of The Red Planet
Tartelet Records / Alive
11. April 2014
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Graefs Debüt könnte kaum weiter von allem weg sein, was "Am Fenster" auszeichnete; dass "Rivers of The Red Planet"  überhaupt auf seinem Stamm-Label Tartelet erscheint, hat selbst das Schicksal überrascht: Eifrigen Tanzmusik-Apologeten dürfte schon das Intro ausreichen, um an allen möglichen und unmöglichen Orten nach dem Kassenbon zu fahnden – den braucht man für den Umtausch. Vom Eröffnungstrack "Itzehoe" – verspulter, im Vergleich mit Moodymann allerdings sehr aufgeräumter Loop-House - möglicherweise kurzzeitig versöhnt, werden die Puristen spätestens bei "Superswiss", "Running" und "Jazz 104" unweigerlich die Krätze kriegen. Welch ein Glück für den Rest der Welt.

Mit seinem allerersten Langspiel-Gesamtkunstwerk setzt Max Graef eine Tradition fort, als deren Vertreter sich nicht einmal der ansonsten ja als welt- und musikoffen geltende DJ Koze bezeichnen darf. Und deren eigentliche Wurzeln eher verteilt zwischen Peanut Butter Wolfs Stones Throw Imperium, Solid Steels Radioprogramm und DJ Foods Albträumen herumliegen. Selbst ausgewiesene (also eingebürgerte) Freigeister wie DJ DSL müssen sich angesichts der schieren musikalischen Bandbreite, die Graef auf seinem Debüt absteckt, fragen lassen, warum sie ihre künstlerische Freiheit nicht noch radikaler genutzt haben.  

Warum der Autor so penetrant auf der Stelle tritt? Weil man es einem so genannten up- and coming Talent wie Max Graef im Jahr 2014 nicht hoch genug anrechnen kann, sich sämtlichen Erwartungshaltungen so konsequent und elegant zugleich zu widersetzen. Wie einfach – oder noch besser – wie bequem wäre es, noch zwei, drei Maschierpulver-Remixe anzufertigen, sich in die zwar lange, aber möglicherweise erfolgversprechendere Schlange hinter Sven Väth einzureihen und auf jeden Fall viel Zeit über den Wolken zu verbringen. Das aber ist Graefs Sache nicht – warum auch immer (und sei es nur des Umlauts wegen). Und weil es einfach nur für’s Anders-Sein kein Güte-Siegel gibt, darf's klanglich ruhig 'ne Oktave konkreter werden. Bitteschön:

Was Graefs Debüt vor allen anderen Dingen so besonders macht – die Experimentierfreude. Der Ansatz: lieber einen zerbeulten Sombrero unter den alles passt als ein stylisches Elektro-Käppi. Und so mischt sich der psychadelische Moog-Funk von "Speed Metal Jesus" mit dem Luke Vibert Gedenk-Track "Jazz 104"; "Tamboule Fudgemunk" und "Vino Rosetto" wiederum erinnern an Detroit, Swag und Omar-S gleichzeitig, während einem "Quackeljochen" in's Gedächtnis holt, dass es da doch dieses Label Warp und diesen Tausendsassa Aphex Twin gab. Und als wär das nicht schon längst genug, zeigt sich Graef auf "Jane (Für Hannah)" auch noch als wissbegieriger Streber der Stolperbeat-Schule im Sinne Madlibs und J Dillas.

Das alles ist weder nur leicht verdaulich noch unanhörbare Avantgarde. Nix für nebenbei und ganz schön fordernd, wenn man sich drauf einlässt. Also genau das, worauf der Autor gewartet hat. Breit. Wand. Kino. 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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