Prost – „Nothing Matters When We Are Dancing“ von CockTail d’Amore

discodromo

Der CockTail d’Amore steht in keinem Mixguide. Gut möglich, dass nicht einmal Charles Schumann ihn zu mixen im Stande ist. Die einzigen, die wissen, wie viel wovon da reingehört, das sind Boris Dolinski, Giacomo Garavelloni und Giovanni Turco. Seit 2009 veranstalten sie als Boris und Discodromo die vermutlichen einzigen rauschenden Parties in Berlin, die diese Bezeichnung noch verdienen. Fünf Jahre und eine Labelgründung später wagen sie mit dem Sampler "Nothing Matters When We Are Dancing" einen Rückblick.

CockTail d'Amore
Nothing Matters When We Are Dancing
CockTail d'Amore Music
1. Dezember 2014
10 / 10
Erhältlich bei Bandcamp | Phonica Records

Dabei hatte doch eigentlich alles schon 1979 begonnen. Die italienische Sängerin Stefania Rotolo hatte in diesem Jahr mit "Cocktail d’amore" – einer Disco-Ballade über das Kennenlernen Wildfremder in einer solchen - ihren amtlichen Durchbruch. Für Garavelloni und Turco aber war Rotolos Hit mehr als nur klanggewordene Popgeschichte; ihnen wurde insbesondere der Liedtext zu einer Art Offenbarung, zu einer Mission, die zu verfolgen sich als ihr Lebensauftrag entpuppte. Nach Stationen in Venedig und New York landeten die beiden DJs und Musikliebhaber in Berlin, trafen auf Berghain-Resident und Berlin-Urgestein Boris Dolinski und warfen sich party-veranstaltungstechnisch ins Zeug.

Was die CockTail d’Amore Parties so anders bzw. legendär machte, hat bislang noch keiner so gut auf den Punkt gebracht wie Daniel Wang. In einem Essay, das dem Sampler im Booklet beigefügt ist, zeichnet der Balihu Records Gründer ein Bild von einer dionysischen Ausgelassenheit, der noch die abgefahrenste Swingerclub-Orgie nicht das Wasser reichen kann. Es steht dem Autor weder zu noch fühlt er sich dazu in der Lage, diesen Umstand einzig und allein den mehrheitlich homoerotischen Tendenzen dieser Bacchanale zuzuschreiben. Fakt ist aber, dass all das nicht bzw. Nichts wäre, ohne den von Boris und Discodromo komponierten Urstoff: Der Klangschleier, der egal welche Aktivität – Tanzen, Schwitzen, Vögeln – ekstatisch rhythmisiert.

Dass sie sich dabei sehr unterschiedlicher, um nicht zu sagen heterogener musikalischer Stil-Traditionen bedienen, ist der Werkschau zwar nur bedingt anzuhören, ändert aber an dessen tatsächlicher klanglicher Vielfalt nichts. Die insgesamt zwölf Tracks auf "Nothing Matters When We’re Dancing" reichen dann von deepen, percussiven Cuts wie dem großartigen "Under Vatten" von Dorisburg, über Electrolastiges von J.E.E.P. und Luv Jam sowie hypnotischen Peaktime-Bangern vom Freund des Hauses Heatsick als auch von Discodromo selber bis hin zu den discoiden Sounds aus der Re-Edit-Szene, in diesem Fall von Forever Sound, Bon Voyage und Young Marco. Ohne jeden Zweifel allerdings entpuppt sich der optimistisch angehauchte Trance von Chymeras "Rainbow Brite" als Erster unter Gleichen: Leidenschaftlich, treibend und gut gelaunt bringt dieser Acht-Minuten-Knaller den Geist der CockTail D’Amore Parties womöglich am besten auf den Punkt.

Man darf im Fall von "Nothing Matters When We’re Dancing" wohl von Glück sprechen, dass sich die Macher gegen einen Party-Mix oder eine gemixte Version der Tracks entschieden haben. Dem alle sechs Sinne betreffenden Vibe dieser Feiereien wäre damit kaum oder nur unzureichend Genüge getan. Wichtiger als Tracks, die (irgendwie) zueinander passend gemacht werden können, ist die Selektion charakteristischer bzw. repräsentativer Produktionen allemal. Bitte mehr davon. Und nicht erst in 5 Jahren...

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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