Queen of Convenience – „We Slept At Last“ von Marika Hackman

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Mode und Musik sind sich mitunter näher, als man denkt: Es gab Nico, Cher und Carla Bruni. Es gibt B.O.X.E.R. und Eva Padberg. Und es gibt Marika Hackman. Seit das ehemalige Burberry-Gesicht der Welt 2012 mit ihrer "You Come Down" Debüt-Single vermittelte, dass sie die Musik der Mode jederzeit vorziehen würde, hat sich an ihrer Haltung nichts geändert. Das Gegenteil ist der Fall: Mit "We Slept At Last", ihrem neuesten Streich auf  Album-Länge, bekräftigt die schöne Londonerin ihre Künstlerin-Existenz.

Marika Hackman
We Slept At Last
Dirty Hit / Transgressive / Caroline
16. Februar 2015
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | JPC

Wie schon der Vorgänger "That Iron Taste", wurde auch "We Slept At Last" vom Weggefährten und Alt-J-Mitglied Charlie Andrew produziert. Und der ging ähnlich behutsam zu Werke wie auf dem Vorgänger: HiFi ja, und an der Stimme darf schon auch geschraubt werden. Effekte, Kniffe und Tricks aber, die über dieses Minimum an Eingriff hinausgehen, sind Charlie Andrews Sache nicht. Jedenfalls nicht, wenn er seiner Kollegin und Freundin Marika Hackman dabei behilflich ist, ihre spröden, alles andere als lustigen und postmodernen Motetten, aufzunehmen.

Unterschiede gibt es trotzdem: Was spätestens bei "Open Wide" (wäre so auch auf der Nirvana Unplugged Session gut aufgehoben) als andersartig auffällt, ist die vergleichsweise prominente Rolle, die die elektrische Gitarre auf "We Slept At Last" spielt. Nicht, dass sie die Stratocaster vor den Aufnahmen für’s aktuelle Album noch nie zwischen die Finger bekommen hätte – dennoch überrascht die schiere Anzahl der Songs, auf denen der elektrisch verstärkte Sechs-Saiter zu hören ist. Ob Hackmans un-schulbuchmäßige Art, diesen zu bedienen (zu sehen im "Animal Fear" Video) für das sprichwörtlich Unerhörte im Klang sorgt? – Wie dem auch sei; Befürchtungen, sie könne sich demnächst anhören wie St.Vincent auf deren letzter Veröffentlichung, entbehren jeder Grundlage: Die Akustik-Klampfe bleibt Hackmans wichtigstes Instrument. Nicht zuletzt, weil Hackmans "nicht wirklich wiedererkennbare, auf unerklärliche Weise aber dennoch charakteristische Stimme von so unverschnörkelt luzider Klarheit" ist, "dass man geneigt ist, sogar Feist als barocke Vokal-Dekoratörin zu diskreditieren" (so fühlt es sich also an, wenn man sich selbst kopiert – Anm. d. Red.) – die natürliche, vibratofreie Schwerelosigkeit passt schlicht am besten zu dem natürlichen und effektfreien Reinklang einer Lagerfeuer-Gutenacht-Geschichte.

Übrigens: Ganz hervorragend nachzuhören auf "Claude’s Girl". Mithin dem Song, der die Besonderheiten der Hackman’schen Andersartigkeit am deutlichsten ausstellt: Obwohl 1992 geboren, verweigert sich Hackman den auch von ihr gelernten Erwartungshaltungen modernen Pop-Hörens. Und sorgt, indem sie diese anders erfüllt, für wohltuende Verwirrung. Ob Hackmans Musik deshalb schon Folk bzw. Nu-Folk ist? – Kann sich der Autor nicht vorstellen. "Monday Morning" möglicherweise; mitsamt der Flöten, Streicher und gezupften Saiten. Sobald die aber verklingen, ist Marika nichts anderes als die Queen of Convenience: Akustik-Klampfe, die ganze große Welt der Beatles-Melodien und mehrstimmiger Gesang zwischen Alt-J, The Roches sowie Esther & Abi Ofarim.

Nur eines geht mit bislang keiner einzigen Hackman-Komposition: Mitsingen. Daran hat sich auch auf "We Slept At Last" nichts geändert – und das trotz der radio-single-freundlichen Durchschnittsdauer von dreieinhalb Minuten. Dazu sind die länglichen und vor allem komplexen melodischen Verläufe solcher Songs wie "Before I Sleep", "Ophelia" und "Skin" schlicht nicht geeignet. Und sollen es auch nicht werden. Die faszinierende Anziehungskraft dieser spröden Sperrigkeit ist das, was Hackman von allen, aber auch wirklich allen anderen so wunderbar und ausdrucksstark unterscheidet. Umwerfend anders!

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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