Riesengroße Kleinkunst – Phillip Poisels „Projekt Seerosenteich“

copyright by Christoph Koestlin

Phillip Poisel ist ein Nuschler vorm Herrn. Das hilft bei den Reimen, ist ihrem Verständnis aber nicht immer förderlich. Das sich genau dazwischen aufspannende, umgekehrt proportionale Verhältnis gehört mit zu dem Spannend-Tiefgründigsten, was der deutschsprachige Sänger- und Liedkomponisten-Szene je geblüht ist. Mit dem "Projekt Seerosenteich" hat Poisel sich und wahrscheinlich den meisten seiner Fans einen Wunschtraum erfüllt – die groß-orchestrale Inszenierung seiner klingenden Kleinode.


Phillip Poisel Projekt Seerosenteich

 

Grönland / Rough Trade 17. August 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Zur Inszenierung gehören neben einem Kammerorchester im Bandformat, handgefertigten Puppen sowie jede Menge semi-spirituelle Kostümierungen. Dass Poisel sprechend klingt wie der kleine Bruder von Til Schweiger, gehört nicht dazu. Dass aber Matthias Schweighöfer, dem Poisel den "Eiserner Steg" für den Film "What A Man" auf den Schauspielerleib komponierte, einen Gastauftritt bei eben jener Nummer hat, schon.

Überhaupt: gespart wurde hier an gar nichts. Dass CD-Cover ist eigentlich ein Schuber, das Booklet so dick wie eine Bedienungsanleitung für einen funkferngesteuerten Heli und der Bombast so prominent, dass er auf keinen Fall mehr zwischen die Zeilen passt. Und was bei Biermann und Co. aufgesetzt und gewollt geklungen hätte, entpuppt sich bei Poisel als der Songs zweite Natur. Ihm gelingt das seltene Kunststück, Singer-Songwriter-Smaragde auch dann leuchten zu lassen, wenn sie als eingefleischte Solisten zurück in die Reihe treten müssen, jedenfalls größtenteils. Beeindruckend in mehr als nur dieser Hinsicht: "Im Garten von Gettis", "Halt Mich" und "Zünde Alle Feuer".

Wohlweislich unterlassen hat der kluge Barde das bei „Liebe meines Lebens“. "Alternativlos" trifft es nicht ganz. Was soll man rund um Zeilen wie "Alles, was ich tue, gestern, heut und hier, soll doch nur ein Umweg sein auf meinem Weg zu Dir. Alles was ich tue, hat nur einen Sinn, dass ich am Ende meines Lebens, endlich bei Dir bin" auch musizieren? - Weniger ist er. Das zeigt ganz nebenbei auch die wohl essentiellste Besonderheit des Poiselschen Schaffens: Ad-Libs gibt’s nicht. Kein "Uh", kein "Yeah" kein "Aha". Melismen, barocke Verzierungen und Vibrato? Braucht kein Mensch, wenn er Philipp Poisel heißt. Diese Eigenart ist aber mehr als nur ein Profilierungselement. Nicht nur, dass sie Ermüdungserscheinungen vorbeugt (schon mal eine Celine Dion Platte durchgehört?). Ohne den Firlefanz geht kein Mü Aufmerksamkeit verloren. Der direkte Zugang zur Aussage konkurriert nicht mit dem Versuch, besonders schön zu singen. Ganz besonders dort, wo der Schöngesang das Allerletzte ist, was man sich wünscht.

Und weil gerade das Thema Abnutzung gestreift wird – "Mädchen", "Wir Zwei", "Weißt Du noch, früher"; so in etwa lässt sich kategorisieren, was im Seerosenteich textlich alles so fleucht und kreucht. Von der Artenvielfalt im Sinne eines Biosphärenreservats ist das natürlich noch einige Spezies entfernt – aber Herr Poisel ist schließlich noch keine 30 Jahre alt. Und weil dieser letzte Punkt kaum zu einem kritischen gereicht – am Text aber mindestens eine Sache auszusetzen sein muss, nimmt der Autor das Martyrium auf sich und kalauert sich zum Schluß. Das "Projekt Seerosenteich" wäre selbst dann nicht auf Grund gelaufen, wenn es ins Wasser gefallen, wäre. Dank Philipp Poisel.

photo: Christoph Koestlin

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.