Beides: Country & Western – „Roll Me, Tumble Me“ von The Deadly Gentlemen

Deadly Gentlemen

Ja, doch. Vergleiche mit anderen Bands gehören in der Regel nicht zum Weihnachtswunschzettel einer Band. Von dem ihres professionellen Umfeldes ganz zu schweigen. Dennoch: Was den Machern ein Graus, hilft Hörern aber nicht selten bei der Orientierung. Insofern kann es gar nicht falsch sein, "Roll Me, Tumble Me", das dritte Album der Deadly Gentlemen als Mumford & Sons für Erwachsene zu bezeichnen.

The Deadly Gentlemen
Roll Me, Tumble Me
Concord / Universal
 
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Bluegrass, Western, Country und Folk – sie gehören zu den ursprünglichen Spielweisen amerikanische Musik-Kultur. Anders als der vor allem afro-amerikanisch geprägte Blues jedoch spielen sie außerhalb Amerikas kaum eine Rolle. Von Eine-Klasse-Für-Sich-Dylan, Keith Urban und Truck Stop einmal abgesehen. Mit dem dritten Album der Deadly Gentleman aus dem ziemlich weit vom Country-und-Western-County gelegenen Boston, könnte sich das ändern. Was die eingangs erwähnten (und englischen) Mumford & Sons damit zu tun haben?

Gar nichts. Abgesehen davon, dass auch die vier smarten Briten auf eine traditionelle Instrumentierung, sprichwörtlich stimmige Polyphonie und einen so noch nie gehörten melodischen Reichtum setzen. Dieser speziellen Interpretation ur-amerikanischen Kulturguts ist in beiden Fällen eigen, dass sie Popmusik von heute mit den Mitteln von damals machen. Und zwar noch besser, als die Urväter dieses Crossovers, The Band, Gram Parsons, Buffalo Springfield und The Grateful Dead es jemals vermochten. Was bei den Deadly Gentlemen unter anderem dazu führt, dass sie wie auf dem Titelstück des Albums "Roll Me, Tumble Me" eine Intonation pflegen, die dem Southern Rap sehr viel näher kommt als Hank Williams. Dass Songs wie das übergroße und zu recht als Single ausgekoppelte "Bored of the Raging" komplex strukturiert sind, über eine atemberaubende Dynamik-Bandbreite verfügen und trotzdem nicht daherkommen, wie eine 17-teilige Suite von Jethro Tull. Dass eine unter die Haut gehende Herz-Schmerz-Ballade à la "Beautiful’s Her Body" keiner unfreiwilligen Komik ausgesetzt ist, nur weil Banjo und Fidel sich hier ein Stelldichein geben.

Ob überhaupt und wie genau sich die sehr unterschiedlich alten Gentlemen diese Kreativität aus den Rippen schneiden – man weiß es nicht. Im Beipackzettel der Plattenfirma ist immer wieder die Rede von ehemaligen Wunderkindern. Erklären können die individuell-biografischen Details aber nur einen Teil. Vielleicht so: Der älteste der fünf Deadly Gentlemen heißt mit Nachnamen Liszt. Und wer weiß, vielleicht hatte der alte Franz seine, ähm, Finger unfreiwillig mit im Spiel. Aber wie auch immer es um die Kalauer-Front bestellt sein mag, "Roll Me, Tumble Me" ist ur-amerikanische Musik-Tradition, so gewissenhaft und gekonnt aufbereitet, dass die ganze Welt und nicht nur Dolly Parton und Garth Brooks-Fans an ihr Gefallen finden können. Und zehn Punkte gibt's, wenn sie in Zukunft nicht kategorisch auf einen Schlagwerker verzichten ... 

Foto: Jay Blakesberg

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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