Die Messe ist gelesen – „Samson & Delilah“ von VV Brown

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Was man von einer Sängerin hoffen darf, deren Website neben Tourdaten und Musik-Kauf-Links Menüpunkte wie Fashion und I Wear beinhaltet? – Dass sich die radikale Eleganz und Anmut, die VV Brown in Sachen Mode an den Tag legt, sich auch in der Musik ihres Albums "Samson & Delilah" widerspiegelt.

VV Brown
Samson & Delilah
YOY Records
8. Oktober 2013
10 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Angesichts dessen, was das vor rund 30 Jahren als Vanessa Brown zur Welt gekommene Multitalent und (Beinahe-)Wunderkind auf ihrem zweiten offiziellen Album abliefert, ist "Glück gehabt; das Schicksal war gnädig, die Hoffnung erfüllt" schlicht untertrieben. Und das nicht nur, weil Brown mit diesem zweiten Album einen Strich unter alle ihre bisherigen musikalischen Aktivitäten zieht und damit einen Schnitt wagt, der risikoreicher kaum hätte ausfallen können. Sie, die klassisch ausgebildete Pianistin, die bereits im Teenager-Alter von diversen professionellen Talente-Entdeckern umgarnt wurde, und deren Langspiel-Debüt "Travelling Like the Light" in Frankreich und jenseits des großen Teiches Gold-Status erreichte, sie entscheidet sich trotz dieser Erfolge gegen jene Formel, die auch viele andere für die wohl vielversprechendste halten: Gut aussehen, immer schön freundlich lächeln und den Leuten nach dem Mund musizieren.

Das folgenschwere "Nein" dürfte in Browns Karriere keineswegs das Erste gewesen sein, wohl aber das Unüberhörbarste. Deutlicher hätte sich "Samson & Delilah" nur dann vom Vorgänger unterschieden, wenn Brown darauf gar nicht gesungen hätte. Vorbei die hippie-eske Smile-Attitüde, verschwunden die Wohlfühl-Beats und das Allerwelts-Organ. In den vergangenen zwei Jahren hat Brown an ihrer Stimme gearbeitet wie Bodybuilder an ihren Muskeln. Das Ergebnis klingt extraterrestrisch und zugleich sakral, als könne sie mit dieser kehligen Mischung aus Yma Sumac, Jennifer Rush, Nina Hagen, Grace Jones, Björk und Kelis den Petersdom alleine füllen. In Verbindung mit den 22. Jahrhundert-Beats, die sich jeder Genre-Typisierung geschickt entziehen, wirkt dieses Stimmwunder umso mehr.

Die Musikindustrie hieße anders, hätte sie nicht gleich auch eine passende Etikette dafür: Dark’n’B. Den Nagel auf den Kopf trifft es trotzdem. Denn von Liebe und ihren Umständen erzählen auch die Stücke auf "Samson & Delilah". Mit dem Unterschied, dass der tragisch-alttestamentarische Mythos nicht einfach nur als Namensgeber fungiert, sondern die dunkel-düstere Stimmung insgesamt vorgibt. Warum VV Brown dennoch nicht Gefahr läuft, in sentimentalem Selbstmitleid zu zergehen, nicht einmal bei der einzigen Nummer mit Hoffnungsschimmer "Ghosts"? – Weil die Erhabenheit der Produktion alles abfängt – der Vergleich mit Gotteshäusern trägt auch hier. "Samson & Delilah" ist wie ein überdimensionales Kirchenschiff, dessen wirkmächtige Architektur jeden Hörer zunächst in Ehrfurcht erstarren lässt. Ob die Epik von "Nothing Really Matters", das sinistre "Igneous" oder das bar jeder Hoffnung verzweifelte "Looking For Love" – Hohepriesterin VV Brown lässt einem eigentlich nur die Wahl zwischen Stoßgebet und Beichtstuhl. Das Quantum Popular-Kitsch, das noch den modernsten Kirchenbau durchdringt und vor allem bei "Ghosts" und "I Can Give You More" eine prominente Rolle spielt, gehört dazu wie ein Altar. Sonst hätte Brown auch eine ECM-Platte machen können ...  

Foto: Paul Kalirai

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