Schlafzimmer & Fremdkörper – „Wait ‚Til Night“ von Cooly G

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Dass das inselbritische Bass-/Electronica-/Post-Dubstep-Label Hyperdub immer für Überraschungen und Exkursionen in vormals unbestellte musikalische Felder gut sein kann, hat sich mittlerweile auch in Bevölkerungsschichten herumgesprochen, die sich weit jenseits des Expertentums für tendenziell randständige Clubmusik mit hohem Bassanteil bewegen. Dass sich jedoch Cooly G – mit bürgerlichem Namen Merrisa Campbell – auf ihrem Zweitling in voller Albumlänge - "Wait 'Til Night" - mit einem zwar abstrahierten, jedoch nicht weniger croonenden und dabei in bester 80er-Manier artifiziell klingenden R'n'B-Begriff auseinandersetzen würde, war selbst für Szenekenner nicht unbedingt vorauszusehen.

Cooly G
Wait ’Til Night
Hyperdub / Cargo Records
24. Oktober 2014
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Sorgt aber umso mehr für Verwunderung; schließlich hat sich dieser Tage auch der völlig anders sozialisierte dänische Kollege Kasper Bjørke dieses Genres angenommen und sich ihm aus anderer Perspektive nähert. Wo sich Bjørke's musikalische Vision jedoch aus dem Blickwinkel von Cold-/MinimalWave, SynthPop, Disco und natürlich einer Sozialisation mit Housemusic an die Interpretation von überbordendem, gefühlsschwangerem Phillysoul und Plastik-R'n'B macht, reduziert Cooly G Songs wie "A Quick Question" unter das Level des eigentlich Nötigen und hält die einzeln verstreuten Claps und rar gesäten Bassnoten nur mit Hilfe einer einzigen Synthie-Line und der Kraft ihrer Stimme beisammen, die sich scheinbar – wie auch im darauffolgenden "Want" - an  Zählzeiten orientiert, die sich in ihrem Abstraktionsgrad nur innerhalb des G'schen Kosmos zu  einem Ganzen zusammenfügen, während die Restwelt in ihrer Wahrnehmung von aussen den skelettierten, skizzenhaften Strukturen durchaus nicht unirritiert begegnet. Einzig mit dem  vor Sex sprühenden "So Deep" beschreitet Mrs. Campell nahezu hymnenhafte und gleichzeitig auch tanzflächentaugliche Pfade, so mensch denn von einem sehr intimen, rotplüschigen Clubsetting zum Ende der Nacht ausgehen mag, und landet mit diesem Tune einen kleinen Hit.

via The Fader

Auch mit dem spannenden, aufeinanderfolgenden Doppel von "1st Time" und "Freak You", das sich scheinbar aus ein und der selben Songidee herauskristallisiert hat und harmonisch wie ein gelungener DJ-Mix ineinander fliesst, schlägt Cooly G den Weg in Richtung Schlafzimmer ein, gibt sich jedoch – wie leider ein paar Mal zu oft im Verlauf von "Wait 'Til Night" - zu sehr ihrer seltsamen Vorliebe für verzerrte, scheinbar den Klang von Schweinerock-Soli emulierenden Synthesizersounds hin, die im zärtelnden Umfeld des Longplayers oft wie Fremdkörper wirken, so dass es für den ganz grossen Lovesong an dieser Stelle nicht reicht.

Trotz dieser zuweilen irritierenden Elemente und gelegentlich auch zu heftig aufgetragenem Pathos ist "Wait 'Til Night" ein zumindest hörenswertes Album, welches sicherlich einen Teil der bestehenden Cooly G-Fangemeinde vor den Kopf stossen mag, sich andererseits jedoch durch die entfernten, verfremdeten Echos von Bassmusik in Kombination mit einer rückwärts gewandten R'n'B-Interpretation vielleicht im Laufe der Jahre als heimlicher Klassiker oder zumindest liebgewonnener Geheimtipp erweisen wird. Noch sind auch wir unschlüssig und vergeben sechs von zehn Punkten. 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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