Schöne Grüße aus Seattle – „Purple Lips“ von The Boys You Know

tbyk

Österreich und Rock-Gitarre? – Spontan fällt dem Autor außer’m Disharmonic Orchestra recht wenig ein. Macht nichts. Denn mit "Purple Lips" veröffentlichen die drei Lauda-Landsmänner und eine –Landsfrau von The Boys You Know bereits ihre zweite Langspielplatte.

The Boys You Know
Purple Lips
Wohnzimmer Records / Broken Silence
9. Mai 2014
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Merkwürdig ist das falsche Wort, besser passt: bemerkenswert. Also: Bemerkenswert am neuen Album von The Boys You Know ist, dass sie damit ihr Profil als Vorzeige-Grunge-Diplomaten sowohl extrem schärfen als auch grundlegend festigen. Warum das bemerkenswert sein soll? Weil Thomas Hangweyrer, Benjamin Philippovich, Sophie Schmidauer und Mathias Kollos zu "Smells Like Teen Spirit" Zeiten gerade Laufen lernten - wenn überhaupt; geschweige denn "Siamese Dream" buchstabieren konnten, als Corgan und Co die geneigte Zuhörerschaft mit diesem epochalen Meisterwerk überforderten. Weil aber ein Wochenend-Crashkurs Küchenpsychologie nicht ausreicht, um zu erörtern, wieso, weshalb und warum sich die vier, statt mit Linkin Park, Franz Ferdinand oder auch Mando Diao lieber mit dem Frühwerk der Pixies, Pearl Jam und Alice In Chains identifizierten, lässt es der Autor lieber gleich bleiben und unterstellt der Einfachheit halber schlicht einen guten Geschmack.

Nichtsdestotrotz: Was von Lack of Afro über Dieter Thomas Kuhn bis hin zu Till Brönner für sämtliche Varianten des Retro-Ansatzes gilt, muss auch für The Boys Who Know Anwendung finden. Das Weiterschreiben eines (eigentlich) abgeschlossenen Musik-Kapitels ist ein heikel Ding. Nicht unwahrscheinlich, dass musikalische Innovationen ohne Vergleichsmomente sich als der Weg des geringeren Widerstands erweisen. Das alles aber wird dem ehemaligen Wiener Sängerknaben Hangweyrer, dessen Kopfgeburt das gemeinsame Projekt war, wohl oder übel bewusst gewesen sein. Umso gebührender ist, was The Boys Who Know auf "Purple Lips" zum Klingen bringen, anzuerkennen.

Selbst dann, wenn die Wertschätzung das Album nicht in Gänze trifft. Damit wäre schon einmal "Losing You" abgehakt. Als Nummer 13 ist der Song der uneingeladenen Hexe aus Dornröschen ähnlicher als dem restlichen Dutzend Lieder, dass sich in zwei Drittel mehr oder minder energetische Mid- und Uptempo Songs, die Lagerfeuer-Balladen "Bowie", "Wax" und "Lonely" sowie "Cover Me" teilt. Letzteres empfand der Autor als am aller wenigsten überzeugend - wie jeden anderen Tom Petty Gedächtnis-Song, der er trotz des "Lass Mal Auf Iggy Pop Machen"-Ansatzes im Refrain bleibt. Wenn auch nicht ohne künstlichen Süßstoff, gerät "Bowie" von den Prominente-Akustik-Gitarren-Songs am nachhaltigsten: 1. weil The Boys You Know auch am Songende noch eine Ballade spielen und nicht jamsesssionmäßig austicken; 2. weil man aus den leider viel zu leisen Background-Chören noch viel mehr machen könnte und 3. weil das finale Gitarren-Solo von einigermaßen bestechender Schönheit ist.

Zu den Gewinnern der Action-Fraktion gehören ohne Wenn und Aber der Album-Opener "Low", die erste Single "The Cult" und die hoffentlich zweite Single "I Can Wait". Ersteres wirkt mit seinem straighten Ansatz und den leise-wehklagenden Melismen Hangweyrers wie ein noch unveröffentlichter Corgan-Kracher, während "I Can Wait" auf sympathische Weise dem Oeuvre Dinosaur Jr.s huldigt. "The Cult" aber ist derjenige Song, der auf unnachahmliche Weise den musikalischen Gestus des Grunge am besten und treffendsten auf den Punkt bringt. Nicht nur wegen des Tom-Intros (die 32stel Triller sind ne 1), den ersten Bass-Tönen und der sich langsam aber sicher aufbauenden Gitarrenwand. Auch das Half-Time Feeling passt wie Laurel zu Hardy und der absichtlich winzige  J. Mascis-Ambitus spiegelt die nicht vorhandene Freude des Frontmannes perfekt wider. Einziger Wermutstropfen: Die Produktion - ein kleines Mü dicker, runder, voluminöser hätte wohl niemandem geschadet. Na dann beim nächsten Mal.   

Foto: Lukas Philippovich

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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