Seine eigene Nische sein, Lektion 1 – „Luck“ von Tom Vek

tom Vek

Ob man Tom Vek als Bindeglied zwischen Elvis Costello und Fatboy Slim bezeichnen darf? – Wissen die drei Genannten vermutlich besser. Fest steht, dass Tom Veks neues Album "Luck" Assoziationen sowohl in die eine als auch in die andere Richtung weckt.

Tom Vek
Luck
Pias Coop / Moshi Moshi / Rough Trade
06. Juni 2019
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Der gelernte Grafiker und Musikautodidakt dürfte selbst in dem an Typen garantiert nicht armen England zu den schrulligsten 10.000 gehören. Und nein, mit Mode im Sinne von Fashion hat das herzlich wenig zu tun. Dafür aber mit Unabhängigkeit; Vek hat keine Posse, keine Crew, keine Szene. Er ist sein eigenes Genre. Dass diese Nische möglicherweise auch für ihn allein zu klein ist, nimmt er dabei bewusst (gerne) in Kauf. Es ist ja verwunderlich genug, dass er mit Pias über so etwas wie ein ordentliches Label verfügt. Wobei: Angesichts der Marketing-Passivitäten von Seiten des Labels ist auch hier davon auszugehen, dass die Bande nicht allzu eng geknüpft ist.

Das gilt übrigens auch für das übergreifende Thema Musik-Karriere. 2011 meldete sich Vek nach sechsjähriger Abstinenz zurück. Was genau er in diesem halben Dutzend Jahre anstellte (Drogen, Depressionen, Darts-Spielen?) weiß er allein. Möglicherweise steckt im Titel "Luck" dann auch mehr Demut als auf den ersten Blick vermutbar. Wer weiß dass schon?! Zu den Fakten: Musikalisch knüpft Vek mit "Luck" ziemlich nahtlos an dessen Vorgänger "Leisure Seizure" an. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass Vek die symbiotische Gemengelage aus Synthies, Beatmaschinen und Digital-Kompositionen auf der einen sowie Gitarren-Riffs, Punk-Bassläufen und akustischem Schlagzeug auf der anderen Seite weiter perfektioniert. Die Identifikation relevanter Spurenelemente (Moss Icon, Smashing Pumpkins, Harold Faltermeyer) fällt leichter. Und besonders gelungen ist ihm dies bei den beiden vom Album bereits jetzt schon ausgekoppelten Video-Singles "Sherman" und "You’ll Stay". Geschickt und stilsicher balanciert Vek das Miteinander von digitalen und organischen Klangquellen. Unkonventionelle Songstrukturen wie auf "Ton Of Bricks" oder "Trying To Get Better" vervollständigen das Bild des Da geht jemand seinen sehr eigenen Weg-Eindrucks.

Wie bedenklich schmal der geschmackliche Grat aber ist, auf dem samt und sonders alle insgesamt elf Songs auf "Luck" wandeln, zeigt sich nirgendwo drastischer als bei "The Girl You Wouldn’t Leave For Any Other Girl". Nicht nur, dass dieser Song seinen gesamten textlichen Inhalt bereits im Titel trägt; das zwischen halbfertig, Fingerübung und bloßem Geklimper mäandernde Stück erinnert an jene Live-Aufnahmen von Weezer und Ben Folds, bei denen jedem normalen Hörer Zweifel kommen, ob Popmusik und Nicht-Singen-Können denn tatsächlich so zusammen geht. Andererseits: Es ist ein Riesenunterschied, ob man diesen Mangel Helge Schneider-mäßig ausstellt, oder schlicht in Kauf nimmt, weil alles andere auf mindestens einen faulen Kompromiss hinausliefe. Vek darf Zweites unterstellt werden. Deshalb und nur deshalb machen auch die nicht getroffenen Töne Spaß.

Foto: Sonia Melot

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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