So macht Flucht Spaß – „The Great Escape“ von Claire

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So manches wird erst mit der Geschichte drum herum rund, schlüssig – und wie sagen Möchtegern-Marketing-Dödel gern: spannend. Ein Stück weit hängt das natürlich auch von der Geschichte selber ab. "Auf der Suche nach einer geeigneten Ergänzung für die Vocals kam Flo eine alte Partybekanntschaft in den Sinn: Josie." heißt es im vorliegenden Waschzettel. Wie gut, dass die Münchener von Claire nicht auf eine Geschichte angewiesen sind: Ihr Debüt-Album "The Great Escape" ist von sich aus rund, schlüssig und – ja, doch – spannend.

Claire
The Great Escape
Island / Universal
27. September 2013
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Amazon

Fakt ist, dass die nachnamenlose Josie tatsächlich Herr über ihre Stimmbänder ist. Und was für einer. Ob divenhaft-gelangweilt auf "Pioneers", ein wenig wehmütig und nahtlos zwischen Bruststimme und Falsett changierend bei "Games" oder unangreifbar-elegant über den Dingen stehend wie auf dem Album-Opener "Broken Promise Land". Ihr außerdem zu attestieren, akzentfrei singen zu können, klingt zwar blöd, ist hierzulande aber noch lange keine Selbstverständlichkeit. Im direkten Vergleich zu beispielsweise Roisin Murphy – deren "Overpowered"-Album auf dem Studio-Klo gelaufen sein könnte – kann die Ex-Molokonesin aber nur punkten, weil sie gottgegeben über das charismatischere Timbre verfügt.

Allerdings endet so jeder Vergleich mit der kecken Miss Murphy. Insofern erweisen sich Robyn, Annie, Aluna Francis und Chvrches Lauren Mayberry als wesentlich dankbarere gesangstechnische Orientierungspunkte. Was das restliche Klangspektrum angeht, haben die vier männlichen Knöppedreher und Regelschieber ganze Eighties-Elektro-Arbeit geleistet, die sie mehr als gekonnt mit allem fusionieren, wogegen sich der Studio-Mixer nicht wehrt. Das fast schon nach Music Instructor klingende "Overdrive", dessen Rave-Komponente durch den schleppenden Re-Edit-Beat angenehm ausgebremst wird. Der Kartoffelstampfer-Rhythmus von "Resurrection", bei dem sich ein Balearen-House-Klavier mit allem zwischen Mr. Oizo, Ed Banger und Justice versöhnt. Nicht zu vergessen das hymnenhafte "Neon Love", bei dem nur eines nicht hinhaut: die Rudolf Schenker Gedächtnis Gitarre.

Apropos: Dass sich Claire ganz bewusst gegen Indie-Tronic à la Bodi Bill, The XX und Postal Service entschieden haben, findet der Rezensent ganz großartig. Selbst wenn Songs wie "Invincible", "Roll Down Run South" und "The Next Ones To Come" ohne die Sechs-Saiter-Licks garantiert anders klängen. Was bei "A Million Drums" und "In Two Minds" und auch "Hallowed Ground" vielleicht sogar gut gewesen wäre. Sie zeigen, dass sich Claire auf "The Great Escape" vor allem mit den experimentelleren Spielarten zeitgenössischer Bassmusik schwer tun. Schwerer jedenfalls als mit ihren poppigen Uptempo-Burnern. Insofern dürfen Sbtrkt, Flume und erst recht James Blake nach wie vor als unerreichte Vorbilder gelten. Diese Arroganz will der Rezensent natürlich als pädagogische Note verstanden wissen. Immerhin ist "The Great Escape" Claires erstes Album. Und noch einmal: Immerhin ist "The Great Escape" Claires ziemlich fantastisches erstes Album.

Foto: Christoph Scheller

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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