Sommer kann kommen – „Walk Talk Dance Sing“ von Crazy P

10866237_820374284665638_6652244370312467059_o

Anders als die mediale Berichterstattung der letzten ca. zwei Jahre das geneigte Publikum gerne Glauben machen wollte: Nile Rodgers, Giorgio Moroder und Cerrone sind mitnichten die einzigen noch lebend-aktiven Disco-Dons. Sie sind lediglich die ältesten. Zu den jüngeren, aber nicht minder befähigten Vertretern dieser Zunft gehören auch Crazy P, früher auch bekannt als Crazy Penis. Mit "Walk Dance Talk Sing" veröffentlichen die verrückten Penisse ihr mittlerweile siebentes Album.

Crazy P
Walk Talk Dance Sing
Walk Don't Walk / Indigo
8. Mai 2015
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Das seit 1995 bestehende Projekt, das sich um 2002 als vollwertige Band wiedererfand, ist nicht nur wegen dieser doch reichlich unüblichen personellen Entwicklung bemerkenswert. Zusammen mit einer handvoll anderer europäischer Produzenten und Knöppedreher gelten Crazy P als Pioniere einer leicht verdaulichen und eingängigen – man auch poppig sagen – Mixtur aus Soul, Pop und Smooth-Jazz, die sie mit Konserven-Beats zwischen Neo-Disco, House und Elektro letztgültig für den Dancefloor optimieren.

Ob man das nun verächtlich Muschi-House nennen will oder nicht, darf jeder selbst entscheiden. Fest steht jedoch, dass "Walk Talk Dance Sing" die Crazy Ps auf dem absoluten Höhepunkt ihres Schaffens präsentiert. Inwieweit die Daft Punk Disco-Ausgrabungen dafür verantwortlich gemacht werden können, steht wahrscheinlich noch nicht einmal in den Sternen. Aber: Keine andere Album-Veröffentlichung in der Crazy P Discographie klingt trotz der auch hier unglaublich heterogenen Einflüssen so aus einem Guss wie "Walk Talk Dance Sing".

Stoisch leichtfüßige Nile Rodgers-WahWah-Riffs ("Like A Fool"), funkige Bernard Edwards Bass-Licks ("The Come On"), hymnischen Glamour ("Cruel Mistress"), Timo Maas-Funktions-Beats ("Magnetise"), 80ies-Retro ("Scrap the Book") und an Hot Chip erinnernden Neo-Disco-Stampf ("Witch Doctor"). Diese doch recht beeindruckende Demonstration wird lediglich geschmälert durch Beiträge wie "The Way" und "Something More". Den von allen anderen Songs auf dem Album gespannten Rahmen vollkommen verlassend, wirken insbesondere diese beiden Songs erratisch, fehl am Platz und mehr gewollt als alles andere.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Songstrukturen im Allgemeinen. So wesentlich eine gewisse, monotonie-induzierende Länge für bestimmte Klangereignisse - vor allem auf dem Dancefloor - ist, so sehr liegt die Würze der Popmusik doch auch in der Kürze. Den Songs auf Crazy Ps "Walk Talk Dance Sing" – im Durchschnitt fünfeinhalb Minuten lang – gelingt dieser Spagat nur selten. Und so nudeln zum Beispiel "Echo" und auch der Titelsong gefühlte drei Minuten zu lang vor sich rum. Am Ende aber gehen diese Punktabzüge als Kavaliersdelikte eines angenehm sommerbrisigen Sonnenalbums durch.  

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.