Stimmung wie im Beichtstuhl – „Tide“ von Wooden Arms

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Bei Klassik-Pop denken alle entweder an Rondo Veneziano oder an den Symphonie-Schmalz der Scorpions. Und der so genannte Kammer-Folk ist wohl das Elitärste, was es gibt auf der Welt. Außerdem machen Wooden Arms keine Popmusik. Und Kammermusik schon gar nicht. Wie also kann man in Worte fassen, was das Sextett aus Norwich auf "Tide" präsentiert?

Wooden Arms
Tide
Butterfly Collectors / Indigo
12. September 2019
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Dass die Band selbst sich auf classical crossover eingeschossen zu haben scheint und damit vor allem auf Mozart und Chopin als relevante Einflüsse verweist, findet der Autor wegen der nicht vorhandenen Aussagekraft auch eher suboptimal. Cab Calloway und Pharrell Williams als Inspiration anzuführen, ist genauso nichtssagend. Aber genug der Etikettenschwindelei – sagen wir einfach, Wooden Arms sind die leiseste Bombast-Folk Band der Welt.

Und "Tide" ist bereits ihr zweites Mini-Album. Wie auch schon auf dem selbstbetitelten Vorgänger, dominieren auf "Tide" melancholisch-elegische Klanglandschaften, deren Drang, Hörer zum Regisseur des eigenen Kopfkinos werden zu lassen, seine Wirkung nur selten verfehlt: Breitwand-Panoramen, endlose Weiten, gerne mit Schnee oder gar rauer See, Musik für Filme der Coen-Brüder, irgendwo zwischen "Fargo" und "No Country For Old Men". Doch so gut sich das zunächst liest, so problematisch bleibt am Ende die Rezeption. Nicht nur, weil Wooden Arms sicher nur ungern in eine Schublade mit Hans Zimmer und Co gesteckt werden, von wo aus sie sich fragen lassen müssten, wann denn der Film zum Album erscheint. Das Stigma Begleit- bzw. Programm-Musik wird durch die Absenz so gut wie jeder freudigen oder auch nur ansatzweise optimistischen Stimmung nur noch verstärkt (von Mozart haben sie das nicht). Selbst der mit Abstand lebensbejahendste Song "Vivenarien" kann sich der Kategorisierung als Song Für Den Abspann kaum erwehren.

So angenehm, anspruchsvoll, außergewöhnlich und manchmal eben auch abstrakt die Musik von Wooden Arms klingt, so intellektuell gebildet und instrumental ausgebildet die Ensemble-Mitglieder auch immer sein mögen – wer solche klaren und offensichtlichen Verstöße gegen die Regeln der so genannten Popularmusik – selten wahrnehmbare Rhythmik, kaum wieder erkennbare Strophen- und Refrain-Struktur (von "December" einmal angesehen), Mitsingen gleich Fehlanzeige - nicht einmal mit Pathos bzw. Theatralik ausgleicht, wird es schwer haben. Und die kathedrale Stimmung bleibt in der Dorfkirche.   

Foto: Edward Cann

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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