Streichereinheiten – Antony and The Johnsons’ “Cut The World”

August 9, 2012

"I’m worried that the ecology of the world is collapsing and that i won’t have anywhere to be reborn."

Wenn der Zweck (hier: Reinkarantion) die Mittel (hier: Umweltschutz) derart heiligt, dann muss es sich wohl um einen Antony Hegarty-Monolog handeln. Die ebenso überraschende wie einleuchtende These steht im Zentrum einer siebeneinhalb-minütigen Konzert-Ansprache, welche in voller Länge auf dem Symphonik-Experiment "Cut The World" enthalten ist. Dass die Rede eine Reihe weiterer und nicht minder überraschender, dafür aber an Nachvollziehbarkeit mangelnder Passagen enthält, soll nicht weiter stören. Geht es doch zuletzt nicht um Hegartys Interresse an Trans-Gender-Diskussionen, sondern um Musik.


Antony and The Johnsons
Cut The World

 

Rough Trade / Beggars Group / Indigo
3. August 2012

 

Erhältlich bei:
Amazon | iTunes | Musicload


Die klassische Be- und Umarbeitung diverser Hegarty Titel der letzten Jahren stammt bereits aus dem Herbst 2011. Die Idee zur Neuinterpretation durch ein Symphonisches Orchester dürfte naturgemäß noch älter sein; und man darf weiterhin unterstellen, dass es sich dabei um so etwas wie eine Herzensangelegenheit das stimmlichen Ausnahmetalents handelt. Mit dem Nationalen Dänischen Kammerorchester und sich selbst am Klavier hat Hegarty die im wahren Wortsinn konzertierte Aktion dann umgesetzt. Herausgekommen ist eine Hit-Kollektion in neo-klassischer Haute Couture.

Noch im ersten Stück, dem einzig unveröffentlichten Titeltrack, wird deutlich, dass das Orchester selbst in zwei- oder dreifacher Berlioz-Stärke und ausgestattet mit Donnerwand und Riesen-Triangel nicht den Hauch einer Chance gegen Hegartys sublime Stimmgewalt hätte. Mit ihr gesegnet würde der kerzenwachsblasse Sänger auch Menowar im Dezibelregen stehen lassen. Filigran, spitz, porzellan und dennoch agil durchdringend und markerschütternd. Dazu dieses fast schon zittrig zu nennende Vibrato – wenn Odysseus wirklich Sirenen gehört haben will und nicht einfach nur auf einem Mittelmeer-Halluzinogen war, dann dürften diese wohl am ehesten wie Antony Hegarty geklungen haben.

Ehrlicherweise ist genau das der Grund für den Zweifel, der den Autor bezüglich dieser Veröffentlichung befällt. Klar, Orchester, klingt immer gut. Erstmal jedenfalls. Geglückte Momente angefangen bei Claus Ogerman und David Axelrod über The Crusaders bis zu Jimi Tenor gibt es immer wieder. Mal. Metallica und die Scorpions zum Beispiel haben gezeigt, dass es auch ganz anders ausgehen kann. Und glücklicherweise gesellt sich "Cut The World" ohne große Schwierigkeiten zu den ersteren. Aber eh schon orchestrale Stücke wie "Cripple And The Starfish", "Rapture" oder "The Crying Light" mit noch einem Streicher-Spoiler, tieferglegten Kontrabässen und ansaugverstärkten Bläser zu tunen? Und "Another World", dessen Bordunstreicher im Original justamente an den genau richtigen Stellen aussetzen, in der Neuinterpretaion aber fast klingen, als könnte man hören, was im kleinen Aufnahmestudio nebenan probiert wurde? – Es zeigt sich, dass man Zerbrechlichkeit nicht skalieren kann. Und dass Hegarty die nackte Unmittelbarkeit seiner in Noten verfassten Verzweiflung im Kerzenschein besser und eindrücklicher vermitteln kann als unterhalb eines Lighting-Racks.

Davon ab herausragend und vor allen anderen umwerfend wie ein große Judo-Sichel sind "You Are My Sister" und  "I Fell In Love With A Dead Boy". Nicht, dass diese sich in ihrer Machart wesentlich von den anderen zehn auf dem Album enthaltenen Nummern unterscheiden würden. Es ist vielmehr so, dass das klassische und dynamik-starke Gewand ausgerechnet diese beiden Song-Körper auf’s Vortrefflichste kleidet. Hier passt der breite Pinsel, das hörtechnische 16:9-Gefühl. Und dann ist's noch egaler, ob sich Hegarty für Antony oder Antonia hält. Hauptsache Hegarty singt.

photo: Jan Erik Svendsen

Posted by: Thomas
Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -
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