Süß War Gestern – „The Sting“ von Gabriella Cilmi

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Logisch, physikalisch und auch sonst eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Für Gabriella Cilmi dennoch kein Problem: "The Sting", das neue Album der 23 Jahre jungen Australierin, ist bereits der dritte Longplayer-Eintrag in ihrer Diskographie. Und trotzdem fühlt es sich an wie ein Debüt.

Gabriella Cilmi
The Sting
ferryhouse productions / Warner
21. März 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Dass Gabriella Cilmi noch kein Vierteljahrhundert alt sein soll, ist schwer zu glauben. Angesichts ihres Single-Malt-Organs und die von jeglicher Effekthascherei befreite Vortrags-Reife scheinen Zweifel genauso angebracht wie beim Rückblick auf ihre Karriere, die vor mehr fast 10 Jahren auf einer australischen Amateurbühne begann und 2008 in dem Welthit "Sweet About Me" mündete - als Cilmi noch lange nicht volljährig war. Mit der Rolle als um jeden Preis gestyltes Produkt aus der Popstar-Manufaktur wollte und konnte Cilmi sich aber nie anfreunden, wie sie auch im JOINMUSIC-Interview unterstrich. Fast zwangsläufig folgte dann auch der Bruch und ein Strich unter alles und jeden aus der Major-Fabrik.

Ohne Netz und doppelten Boden machte sich die inzwischen in London residierende Cilmi also an die Aufnahmen zum ersten, selbstbestimmten Album ihrer Musik-Karriere. In enger Zusammenarbeit mit Produzent Elliot James, ihrem Bruder Joseph als Co-Produzent und dem Kern ihrer Live-Band entstand "The Sting" mit viel Zeit, ungeahnten Freiheiten und einer gehörigen Portion Unsicherheit. Denn Cilmis neue Kurzhaarfrisur ist nur der sichtbarste Teil einer Entwicklung, die wahrscheinlich über die Fertigstellung von "The Sting" hinausgehen wird. Auch auf anderen Ebenen wirkt sie sich kaum minder schwer aus: Kein einziger Track auf "The Sting" erinnert auch nur entfernt an den happy-preppy Dancepop der alten Tage. Stattdessen dominieren starke schwarz-weiss-Kontraste, erwachsenere Themen und "Left With Someone Else" - der beste Slow-Tempo-Groover, den die Arctic Monkeys nie geschrieben haben, enthält das berühmte "F"-Wort gleich mehrfach.

Vorzeitiges Fazit: Cilmis Metamorphose vom gegängelten Pop-Sternchen zur selbstbestimmten Musikerin, die auf ihre eigene Kreativität vertraut, ist mehr als gelungen. Nicht nur, dass Produktion und Arrangements der Songs ihrem außergewöhnlichen Organ so viel besser zu Gesicht stehen, als die Spice-Girls-Lackierung. Die Offenheit, mit der sich Cilmi in ihren Texten manch einem ihrer Dämonen stellt, mag bisweilen gar aufdringlich wirken: Angesichts solcher Gänsehautgaranten wie "Every Memory", "Don’t Look Back" und dem ergreifenden "Sweeter in History" aber kann Cilmi kaum aufdringlich genug sein – meint jedenfalls der Autor.

Der meint aber auch, dass - gerade weil Cilmi über Stimmbänder wie ein Räucherofen verfügt - "The Sting" überproduziert ist; wenigstens in Teilen. Die minutiös aufeinander gestapelten Klangschichten künden von beeindruckendem Produzenten-Know-How und detailliert kleinteiliger Arbeit an jeder einzelnen Note. Auf einen Versuch, wie viel weniger am Ende möglicherweise sogar mehr gewesen wäre, würde der Autor es trotzdem ankommen lassen wollen. Vielleicht dann beim nächsten Mal.

Foto: Nuria Rius

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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