Techno. Klassisch und zeitlos.

photocasefmb87ocp54999361

"Geschmack ist nicht immer eine Frage der Qualität." lautet eine alte Weisheit beim Lesen von Rezensionen, denn gerade auf dem subjektiven Feld wie der schwer an ernsthaft messbaren Parametern festzumachenden Musik, hängt die subjektive Bewertung der genannten durch den Rezensenten auch, trotz gebotener Professionalität und damit einhergehender Zurücknahme des eigenen Ich, und nicht zuletzt von der jeweiligen musikalischen Sozialisiation des Rezensenten ab. So wird der durch den um die Jahrtausendwende herrschende PopMinimalismus der Kölner Schule sozialisierte Schreiber grundsätzliche andere Qualitäten zu schätzen wissen als der im Drum'n'Bass erwachsene Rezensent oder der dank der Gnade der frühen Erweckung schon im zarten, noch einstelligen Alter mit AcidHouse und Artverwandtem konfrontierte Verfasser dieser Zeilen, dem das Glück zuteil wurde, viele Umbrüche und Stilentwicklungen in der elektronischen Musik zu durchlaufen.

Letztendlich ist es dieser, bei vielen Schreibern nicht immer offen kommunizierte, Hintergrund, vor dem und mit dem die jeweilige Rezension vom geneigten Leser konsumiert und auch immer wieder neu abgeglichen und verhandelt werden muss – im besten Falle über Jahre, denn mit jeder neuen Plattenkritik öffnet auch der Journalist nicht nur seine persönliche Sichtweise und auch historische Einordnung in Form von referenziellen Verweisen und Analogien sondern auch sein eigenes Erleben, Erfahren und Atmen von Musik auf dem Dancefloor.

Im konkreten Falle geht es dabei um Techno, der, wenn auch weit von seiner eigenen Neuerfindung entfernt, doch immer wieder zeitlos und neu Tanzflächen füllt, im besten Falle überlebt und in genau dieser vorliegenden Form auch im Laufe der kommenden Jahre und ggf. Jahrzehnte seine Aufgabe erfüllt, sprich: funktioniert.


Luiz Ruiz
Orioni EP

 

Krill Music
22. Oktober 2013

 

Erhältlich bei:
Decks | deejay


Aus Buenos Aires, Argentinien schickt Luis Ruiz diese Vier-Track-EP mit drei Originaltunes und einem Remix des hochgeschätzten Juan Rico a.k.a. Reeko auf die Tanzflächen der Welt und verpasst Techno mit seinem sehr klassischen, reduzierten – nicht: minimalen – und weltraumkalten Soundentwurf ein zeitgemässes und vor allem zeitloses Update von allgemeiner Gültigkeit. Hierbei orientiert er sich an unbestrittenen Meistern des futuristischen Faches wie Jeff Mills oder auch Robert Hood, wagt  mit "DNA From Sirius" einen Ausflug in verstolperte Beatgefilde und gewährt mit  "Vimanas" auch verdubbten Melodien Einlass in sein technoides Universum. Reeko hingegen widmet sich in seiner Interpretation wie gewohnt dunkel verrauschten, dubbigen Technoexkursen und dürfte mit seinem zähen Mahlstrom aus Klang in der letzten Phase Nacht  für schwitzende Leiber auf der Tanzfläche sorgen. Am Ende 8/10 Punkte.



Arnaud Le Texier
Rotation

 

Affin
8. Dezember 2013

 

Erhältlich bei:
Beatport | iTunes


Der französische Produzent und Labelbetreiber Arnaud Le Texier nun also zum ersten Mal auf Joachim Spieth's Hausimprint Affin Ltd und wie auch bei anderen Veröffentlichungen der letzten Zeit lässt sich auch bei dieser 12“ ein Hang zur klassisch deepen, zurückhaltenden und durchaus skelettierten Technoschule Detroits feststellen, die ihre Faszination nicht aus dem offensichtlichen Exzess sondern der stetigen hypnotischen Weiterentwicklung einzelner Tracks zieht. Einzig der Matthias Fridell Remix des flächenschwangeren B1-Tunes "Pstyromaniac" bezieht ein wenig offensiver Stellung, ohne jedoch wesentlich aus dem dezenten Gesamtbild auszubrechen. Stabile 7/10 Punkte. 



Kat Channel / Elec Pt. 1 / Affie Yusuf
Four Seasons Volume 3

 

Got 2 Go Records
15. November 2013

 

Erhältlich bei:
deejay | HHV


Limitiert auf 300 handnummerierte Exemplare in blauem Colourvinyl serviert das Label Got 2 Go Records die nächste Ausgabe seiner "Four Seasons"-Reihe. Wird die A-Seite dieser 12“ von Kat Channel gleich zweifach mit Original und Ike Release-Remix des rohen, dunkel groovenden Housetunes "Second Floor" bespielt, dem es in der Ausgangsversion an Chicago-Referenzen nicht mangelt, während die Bearbeitung eher auf schwebende Chordfolgen setzt, packt Elec Pt.1 auf B1 in gewohnter Manier das Acid(House)-Brett aus und treibt mit seinem endlos hypnotisch modulierenden "On & On" sämtliche Synapsen in den wohldosierten Wahnsinn. Final dabei ist auch Altmeister Affie Yusuf mit dem wohlbedacht betitelten "Brain Wash", in dessen verschachteltem Subtext neben dem unvermeidlichen Acid auch das Wissen um rituell aufgeladenen, hypnotischen TribalTrance im reduziertesten aller Sinne hintergründigst mitschwingt. Für Oldskooler essentiell. Deshalb 9/10 Punkte



Foto: AllzweckJack

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.