Techno – Purismus für die Ewigkeit – Stichwort: Whitelabel

whitelabel review

Techno – wir erinnern uns zurück an die Anfänge. Einst angetreten gegen jeglichen Starkult veröffentlichten die Produzenten jener Zeit ihre Tracks unter vielen verschiedenen, teils kryptischen Pseudonymen aus der Deckung ihrer Schlafzimmer- oder Kellerstudios heraus. Die eigentlich Hauptrolle im grossen Film spielte der Klang an sich, der ungestüme Sound einer neuen Ära – oft veröffentlicht auf sogenannten Whitelabels, Vinylschallplatten ohne jegliches Artwork oder Information über die Herkunft jener oft bis dato ungehörten Töne und Beats. Einzige Identifikationsmöglichkeiten waren oftmals nur in die Auslaufrillen des Vinyls eingeritzte Katalog- oder Matrizennummern sowie, wenn vorhanden, von Hand auf das weisse Papierlabel (daher: Whitelabel) in der Mitte der Platte aufgebrachte Stempel.

Die Zeiten haben sich geändert und natürlich hat auch Techno mit all seinen musikalischen Derivaten alte und neue Stars hervorgebracht. Daft Punk, Westbam, Sven Väth, Deadmau5, Paul Kalkbrenner, Moby, Noisia, The Prodigy – diese Namen stehen nur beispielhaft für eine lange Liste von Produzenten und/oder DJs, die sich im Verlauf von mehr als zwei Dekaden elektronischer Partykultur auch jenseits der einst von ihnen beschrittenen Pfade etabliert haben und auch in Orten wie Tetenbüll, Westerhever, Wanne-Eickel, Oer-Erkenschwick, Billigheim bei Mosbach oder Drochtersen-Ritsch für aufgestellte Ohren beim jungen Partypublikum sorgen.

Und trotz dieses Zeitenwandels gibt es sie noch, die Vertreter jener anfangs beschriebenen, ursprünglich puristischen Technokultur, die informationsarmen Whitelabels und die reine Musik als Botschaft. Sprich: den wahren Underground. Zwei aktuelle Beispiele für diese Form der, oft nur in geringer Auflage gepressten, Veröffentlichung haben wir uns dieser Tage etwas genauer angehört und im klassischen Stil in der Anfangszeit so genannter "Technopostillen" wie Frontpage, Raveline oder Tendance besprochen, die mit ihrer speziellen Sprache und Begrifflichkeit einst eine neue Form von Plattenkritik prägten. 


Philippe Petit
Scrape E.P.
 

Decision Making Theory 002

Schwarz-rauchig marmoriertes Whitelabel Vinyl. Militärische Stempeloptik. Dreifach bis auf seine wesentlichsten Elemente herunterskelettierter Techno, der keine Gefangenen macht. Bassdrum, Bassline, HiHats. Eine modulierte Synthline und zwei einander psychotisch umspielende, nervenzerrende Sounds auf der A-Seite. Ähnlich reduziert die mit „Meltdown“ betitelte ClubTechno-Variation auf B1, während sich „Flotation“ final wieder düstereren Tönen widmet. Lehrstück in Sachen Techno. Sehr gute 8/10 Punkte



Unknown Artist
Chatterbox/Und on

 Unknwn. Soldier 001 

Ein weiteres, extrem konsequentes Whitelabel, welches mit seinem reduktionistischen Verständnis von Techno beim Rezensenten auf offene Ohren stösst und vielen anderen 12“es und deren Produzenten eine Lektion in Sachen Minimalismus erteilt. Ausser swingenden Beats, sich in kleinsten Graden steigernden Hi-Hats und einer stoisch kurzen Bassfigur braucht es auf der A-Seite genau einen Sound und eine sich im Hintergrund nur kurz andeutende Fläche, um den Floor für sechs Minuten in Bewegung zu halten und die Erwartungshaltung in Richtung des viel besungenen „Relief“ ins Unermessliche zu schrauben, während die Flipside sich ebenso so stoisch und doch energetischer an einem vom Acid geprägten Grundton abarbeitet, ohne jedoch mit klassischem 303-Einsatz aufzuwarten.  Stabile 7/10 Punkte


„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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