Die Retro-Funk Erfinder – „The Anthology 1992-2003“ von Poets of Rhythm

porpic

Irgendwas hat man immer im Blut. Sogar im Freistaat. Und zur Wies’n-Saison allemal. Dass das Hämoglobin der Münchener Rhythmus Poeten mit Polka, Marsch und Schlagerschunkelei so rein gar nichts anzufangen weiß und stattdessen viel lieber mit Soul, Funk und anderen Hard-Grooves abhängt, darf durchaus verwundern. Dass einige der Hardest Working Soulbrothers dieser Republik nach über zwei Jahrzehnten Rhythmusarbeit in Form der "Anthology 1992 - 2003" zurückblicken, ist alles andere als überraschend.

Poets of Rhythm
The Anthology 1992-2003
Daptone Records / Groove Attack
4. Oktober 2013
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Am Anfang waren Boris Geiger, Jan Weissenfeldt und ihre Begeisterung für den dreckigsten Funk der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. The Meters, Hank Carbo, The Perfect Circle, The Majestics und wer sonst noch alles zum Keb Darge-Universum gehört – sie bildeten die Grundlage, auf der die Poets of Rhythm bis zum heutigen Tag aufbauen. Und das seit mittlerweile über 21 Jahren. Die Debüt-Single "Funky Train" erschien 1992. Das vielgefeierte Album "Practice What You Preach" folgte nur ein weiteres Jahr später auf dem wegweisenden Hamburger Label Soulciety. Und damit zu Hochzeiten der damals grassierenden Acid-Jazz-Bewegung, die sich für die Poets of Rhythm als Segen und Fluch zugleich herausstellen sollte.

Der Rückgriff auf musikalische Traditionen, die zum damaligen Zeitpunkt bereits gute 20 Jahre unterm Hörer-Radar verbracht hatten, war das, was die Poets of Rhythm mit Galliano, den Brand New Heavies, Mother Earth und allen anderen Gilles Peterson-Protegés verband. Was sie von einander trennte allerdings, wog um ein Vielfaches schwerer: das Klangideal. Denn nicht nur, das die Poets of Rhythm sich in die harten Funk-Rhythmen verliebt hatten – ihre Leidenschaft galt ebenso sehr dem rohen Sound, der wenig perfektionistischen Master-Arbeit, dem beinahe Unfertigen des finalen Klangergebnisses. Dass sie damit einen Teil ihres Zielpublikums verschreckten, nahmen sie dafür gerne in Kauf. Dass sie damit zu Pionieren der heutzutage gut geölt laufenden Retro-Industrie wurden, konnte kaum jemand ahnen.

Tatsächlich lieferten die in den späten 1990er Jahren viel in Übersee und England tätigen Poets of Rhythm Blaupause um Blaupause für den Nischenmarkt, der heute höchst erfolgreich von Desco bzw. Daptone, Truth and Soul und anderen beackert wird. Ob Sugarman Three, Sharon Jones, Charles Bradley oder El Michaels Affair – ohne die Poets of Rhythm wäre vielleicht noch nicht einmal der überirdischen Erfolg Amy Whinehouses denkbar gewesen. Wie unglaublich nah die Poets of Rhythm an ihren Klangvorbildern und damit an der endgültigen Zeitlosigkeit dran waren, darüber gibt diese hervorragend kompilierte Anthology reichlich Aufschluss. Wer das auf Songs wie "More Mess On My Thing", "Rhodesian Girl" oder "Discern/Define" nicht hört, muss noch mal ran.

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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