The Sound of – „Sweet Silence“ von Barbara Morgenstern

Der Morgenstern ist kein Himmelskörper. Der Morgenstern ist eine Wuchtwaffe. Eine ziemlich furchteinflößende noch dazu. Sie stammt aus dem Mittelalter und galt wegen der mit ihr beizubringenden fiesen Verletzungen schon damals als wenig galant. Dass Barbara den Morgenstern im Nachnamen trägt, kann also nur gutgemeinter Zufall sein: mehr popkulturelle Eleganz als auf ihrem neuen Album "Sweet Silence" passt wohl auf keine CD der Welt.


Barbara Morgenstern Sweet Silence

 

Monika / Indigo 8. Juni 2012

 

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Barbara Morgenstern hört bzw. liest das vielleicht nicht so gern – eine Veteranin der klugen deutschen Elektronik ist sie trotzdem. Der Avantgardismus von AGF und Gudrun Gut geht ihrer Musik größtenteils ab – Zusammenarbeiten mit den beiden sind dennoch nicht ausgeschlossen. Viel stärker als ihre Kolleginnen aber findet Barbara Morgenstern seit ihrem vor 12 Jahren veröffentlichten Debüt immer andere und stetig zielführendere Wege durch den Pop-Dschungel bzw. an ihm vorbei. Was vor knapp 15 Jahren noch nach enorm kostengünstigem Equipment, um nicht zu sagen Gameboy-Ästhetik, klang, ist auf "Sweet Silence" seinem vorläufigen Höhepunkt zugeführt wurden.

Die 13 auf "Sweet Silence" enthaltenen Tracks sind zwar weder großartig komplexer arrangiert, noch unterscheiden sie sich anderweitig stark von Morgensterns früheren Kompositionen - allesamt bauen auf eine übersichtliche Instrumentierung, ein klares Melodie-Gerüst und den Verzicht auf rhythmisch komplizierte Schnörkeleien. Tatsächlich anders und neu ist allerdings die Produktion, das Sound-Design. Marco Haas, bekannt geworden als brachialer Tanzflur-Berserker, T.Raumschmiere und Shitkatapult-Gründer, hat "Sweet Silence" produziert und damit für den ersten so richtig amtlichen Sound auf einer Barbara Morgenstern Platte gesorgt.

Selbstverständlich hat er dabei darauf geachtet, dass Morgensterns Signatur – dass ihre Musik bei aller Professionalität immer auch nach Most aus dem eigenen Garten klang – erhalten und wieder erkennbar bleibt. Gleichzeitig erstrahlen die Bässe raumgreifender, die Kickdrum wabert wohliger in Richtung Magengrube und die Loudness-Taste bleibt ganz allgemein ungedrückt. Sogar Morgensterns Gesang ist jetzt eher Lego-Technik als Playmobil. Wie ganz die Arbeit ist, die Haas geleistet hat, lässt sich am besten auf einem der beiden Instrumental-Stücken des Albums, "Hip Hop Mice", nachvollziehen, das ganz nebenbei klingt, als hätte es auch auf "Tesri", der Kollaboration mit Robert Lippok, wunderbar Platz gefunden.

Ansonsten erstaunt Morgenstern mit einem Album, dass Songs ausschließlich in englischer Sprache enthält. Beeindruckend daran ist weniger Morgensterns Mehrsprachigkeit, sondern die Tatsache, dass sie eben auch deswegen sehr viel eher klingt wie Annie Lennox. Besonders in den tieferen Registern frappiert die Ähnlichkeit ungemein. Für Morgenstern, deren vokale Qualitäten immer schon ahnbar waren, ein Schritt in die unbedingt richtige Richtung – findet der Autor. Wehmutstropfen: Frau Morgensterns teutonischer Akzent.

Aber: siss is not sie end. Denn "Sweet Silence" ist ein durch und durch gelungenes Elektro-Pop-Alben, dass nicht überreden will, sondern die Ohren von ganz allein überzeugt. Dafür sorgen neben dem Reichtum an Melodien und Harmonien die immer wieder überraschenden Dramaturgien der einzelnen Tracks. "Auditorium", mit seinem Fender-Rhodes-Lick, und "Status Symbol", das Morse-Stück, bei dem der Beat erst spät einsetzt, gehören hier zu den Ersten unter Gleichen. Aber auch das björkeske und sechs-achtelige "Night-Time Falls" sowie das sich erst fast am Ende als melodische Wundertüte entpuppende "KooKoo" gehören zu den Songs mit dem Bitte-Immer-Wieder-Faktor. Ganz weit oben auf der Lieblingsskala des Autoren aber rangiert "Need To Hang Around" – das einzige, was dem Song noch fehlt, ist ein DJ Koze Remix. Und das Eingeständnis Roisin Murphys, dass es sich hierbei um den besten Moloko-Song handelt, den Moloko nie geschrieben haben.

photo: Andreas Schlegel

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