Poetry With A Tempo – „The Wonderful Frequency Band“ von Justus Köhncke

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Man darf das schon so formulieren: Justus Köhncke ist ein Doyen der teutonischen Tanz- und Club-Kultur. Als Whirpool Productions Drittel, Kompakt-Protagonist und Pionier mit einem Riecher auch für Abseitiges ist er seit einem Vierteljahrhundert ein Garant für Klang-Güte. Jetzt hat sich der Wahlberliner als "The Wonderful Frequency Band" neu erfunden.

Justus Köhncke
The Wonderful Frequency Band
Kompakt / Rough Trade
08. November 2013
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Für die ersten 16 Takte der Single-Auskopplung "Tell Me" packte den Rezensenten das Grauen: Was sollte denn dieser angeshuffelte Disco-Boogie nun schon wieder? Auf das Schlimmste gefasst (ein "Do The Hustle"-Remake), machte der rigide Rhythmus aber auf einmal Platz für gänzlich Unerwartetes. Einzelnen Lamellen der Berghain-Jalousien, die der aufgehenden Morgensonne und dem luxreichen Tageslicht nach und nach Eintritt gewähren, nicht ganz unähnlich, schälen sich die Konturen von Bass-Linie und Synthie-Harmonien mit jedem Taktschlag deutlicher hervor; bis zu einem Punkt, an dem Van McCoy nun wirklich gar keine Rolle mehr spielt. Einmal mehr hat Köhncke damit sein unvergleichliches Produktions-Ethos unter Beweis gestellt: Simple, but not easy.

Trotz der wabernden Vocals fungiert "Tell Me" auf "The Wonderful Frequency Band" als Ausnahme von der Regel. Bis auf die ebenfalls instrumentale Wummer-Nummer "Nucleus Accumbens" finden sich auf Köhnckes aktuellem Album ausschließlich Songs, bei denen sich der Knöppedreher auch stimmlich einbringt. In dieser Hinsicht nicht unwichtig: Zwischen sich stimmlich einbringen und Texte singen (in einem eher klassischen Sinn) liegt ein weites Feld. Und so teilen sich die Stücke mit Vokal-Einsatz auf in jene, bei denen Köhncke so etwas wie lyrische Schlagworte skandiert und solche, bei denen der Textkörper tatsächlich songähnlich ausfällt. Zur ersten Kategorie gehören zum Beispiel der Disco-Breaker "Flitter und Tand", der mit seiner Crystal Waters Gedächtnisorgel antichambriert, die ein wenig nervös geratene Body & Soul-House Nummer "A New Direction" sowie das ebenfalls nicht ganz unhektische "Idee, Prozess, Ergebnis". Zur anderen Gruppe gehören das acid-eske "Loop", das roboterhaft entschleunigte "Unaufmerksamkeitsblindheit" sowie die abgehangen groovende Ode an "Das Selbstgespräch".

Letztere machen übrigens zwei Dinge ganz besonders deutlich: 1. Köhncke wird nicht als Gesangswunder in die Geschichte eingehen – was erklärtermaßen aber auch nie sein Ziel war. 2. Elf Jahre nach "Was ist Musik" und acht Jahre nach "Doppelleben" brauchte es mal wieder ein Köhncke-Album, um zu zeigen, dass deutschsprachige Texte und ein elektromusikalisches Fundament viel besser und natürlicher zusammengehen, als allgemein für möglich gehalten. Die professionelle Routine, mit denen Köhncke den vor allem rhythmischen Teppich dafür knüpft, ist da selbstredend ein ziemlich essentielles Pfund - nach über 25 Jahren im Tanzgeschäft allerdings auch keine ganz große Überraschung mehr. Dass er sich aber längst nicht nur auf sein perfektioniertes Serve- and Volley-Spiel verlässt, sondern auch von der Grundlinie aus zu überzeugen weiß, das hört man dann beim Titelstück und der unwahrscheinlichen Coverversion des Soul-Klassikers "Now That I Found You".  Weiter weg vom 4-2-The-Floor-Prinzip kann man sich wohl nicht aufstellen. Und trotzdem sorgt Köhnckes Ansatz dafür, dass dieses Liedgut auch im Wortsinn eines bleibt. Überzeugend!

Foto: Attila Hartwig

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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