Siebzsch, Achtzsch, Leipzsch – „The Inaccessible EP“ von Tlic

tlic

"Wanderer, denkst Du an Leipzig..." - mit diesen abgewandelten Worten des griechischen Dichters Simonides von Keos beginnt eine Reise in die tiefe Unterwelt der bundesdeutschen Elektronikszene. Eine Welt, in der physische Tonträger in Kleinstauflagen eine grössere Rolle spielen als Downloads, in der DIY-Attitüde und Experimentierfreude zwischen den Genrestühlen wichtiger sind als Konformität, Verkaufszahlen und auf zweifelhafte Weise aufgeblasene Social-Media-Kanäle. Es ist auch eine Welt der Grauzonen, in der sowohl Künstler als auch Labelmacher oft das stille Werken im Hintergrund bevorzugen, in der Vetriebswege oft verschlungen sind, teils nur über Hörensagen oder Kleinstmailorders funktionieren und die aus diesem Grunde dem Gros der musikhörenden Gesellschaft oft verschlossen bleibt.

Tlic
The Inaccessible E.P.
Minor
13. August 2014
7 / 10
Erhältlich bei | deejay
 

Was das alles mit Leipzig zu tun hat, mag sich jetzt manch Leser fragen. Doch blickt mensch auf die Entwicklung der Elektronikszene der Stadt im Laufe der letzten 15 bis 17 Jahre, wird schnell deutlich, dass diese Kultur jenseits des allgemeinen Hypes um elektronische Tanzmusik hier einen besonderen Stellenwert hat. Angefangen über eine aktive Tape-Szene mit Labels wie dem mittlerweile eingestellten Trash Tapes-Imprint, auf dem beispielsweise Industrial-Hitgarant Xotox seine ersten Schritte unternahm, unter anderem auch unter Pseudonymen wie Wiederherstellungschirurgie oder Böswillige Programmieranweisung, über das Hard- / Breakcore-orientierte Phantomnoise Records, das Leftfield Drum'n'Bass-Imprint Alphacut, die Dubstep- / Dub-Schmiede 45Seven mit seinen 7''-Releases bis hin zu Aktivisten wie Demian, tummeln sich in der Stadt diverse Protagonisten, alle bemüht um das 'Dazwischen' und ständig auf der Suche nach neuen musikalischen Abenteuern.

Eine weitere Zelle des musikalischen Kreativschaffens jenseits jedweder stilistischer Grenzen ist das Minor Label, das – zusammen mit dem auf Trackercore spezialisierten Schwesterimprint Flop Beat Disk und dem Minor Mailorder – seit nunmehr dreizehn Jahren in mehr oder weniger regelmässigen Abständen neue Tonträger veröffentlicht. Dort kürzlich erschienen ist die "Inaccessible EP" des im Halbschatten der Anonymität verharrenden Produzenten Tlic, über den – neben seiner regelmässigen musikalischen Präsenz auf Minor – wenig mehr bekannt ist, als das er in der  Vergangenheit auch unter den Pseudonymen Traumschwinge und Cyperkid veröffentlichte. Ersteres dient ihm dabei als Spielplatz für harten Industrial, während das zweite Alias eher dem technoiden Hardcore und HardTechno zugeneigt scheint. Auch die "Inaccessible EP" mit ihren fünf, in einer Auflage von 222 12''-es auf rauchiges Clearvinyl gepressten Tracks lüftet das Geheimnis um Tlic's Identität nicht, sondern  trägt vielmehr mit ihrem dunklen Artwork, rituellen Symboliken und in verschiedenen Scriptsprachen gehaltenen Tracktiteln zu Erhalt des Mysteriums bei.

Ebenso verhält es sich mit der musikalischen Ausrichtung dieser Platte, die sich – trotz Verwendung fiebertraumhafter Atmosphären – im weitesten Sinne irgendwo zwischen weltraumkalter Electronica, dunkel technoidem Broken Techno und den entfernt verhallenden Echos von Rhythm Industrial ansiedeln lässt. So wirkt "[laiph 3]" wie das dräuende Vorspiel einer massiven Schlacht in den dunklen Tiefen des Alls, während in "[laiph 11]" ein fremdartiges Folklore-Intro ohne Vorwarnung in die Vertonung mechanischer Abläufe sich stets wiederholender Maschinentätigkeit übergeht und dabei eine nervenaufreibende Spannung drohender Gefahr aufbaut. Auch "[laiph 9]" zehrt von jener industriellen Spannung, bricht diese jedoch durch roboterhaften Phonk und einen Strukturwechsel im letzten Drittel auf, bevor "[noiro2]" den geneigten Hörer in geisterhafte Dark Ambient-Gefilde mit rituell anmutenden Beats entführt. Den finalen Schlusspunkt setzt daraufhin das kurze "[laiph _3 – svargArohaNa]" mit seinen elektronischen Fanfarenstössen und wispernden Stimmen, die sich in dieser Form perfekt in das mystisch-nebelhafte Bild der künstlerischen Identität Tlic's einfügen.

Empfohlen für all diejenigen unter unseren Lesern, denen auch zuweilen harsche elektronische Töne von Künstlern wie Autechre, Aphex Twin oder Cut Hands sowie Veröffentlichungen von Labels wie Weevil Neighbourhood oder auch Blackest Ever Black das Herz erwärmen.

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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