Über eine längst vergangene Zukunft – „Aoticp“ von Gagarin

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Seit einer gefühlten Ewigkeit - sprich: seit 1995 - ist der Produzent und Percussionist Graham Dowdall schon mit seinem Projekt Gagarin in der elektronischen Musikwelt unterwegs und veröffentlichte kürzlich mit dem kryptisch betitelten "Aoticp" auf seinem Stammlabel Geo Records sein mittlerweile sechstes Studioalbum.

Gagarin
Aoticp
Geo Records
10. Juli 2017
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | deejay

Sonst als Mitglied der AvantRock-Legende Pere Ubu oder als ehemaliger Kollaborationspartner von Velvet Underground's Nico und der Suns Of Arqa in eher organischen Gefilden verortet, beschreitet Dowdall a.k.a. Gagarin mit diesem Projekt und auf dem vorliegenden Album einen Pfad zwischen gepflegter Electronica und flächenschwangerem, momenthaft am Kitsch kratzenden Ambient, um aus diesen beiden Komponenten eine zeitlose, völligst trendunabhängige Klangwelt zu errichten, die in den frühen Neunzigern in entsprechenden Usenet-Mailinglisten irgendwo zwischen IDM ("Intelligent Dance Music") und dem mittlerweile fast ausgestorbenen Intelligent Techno-Begriff verortet worden wäre – beides Termini, die sich in ihrem Ursprung auf Compilations wie "Artificial Intelligence" oder das Frühwerk von Künstlern wie The Black Dog, Aphex Twin, B12 , The Orb oder auch The Future Sound Of London beziehen.

Diese Einflüsse und Referenzpunkte lassen sich in dem das Album eröffnenden Triplet von "Ammil", "Equoranda" und "Hilversum" auch für das ungeschulte Ohr trefflich festmachen, bevor das nachfolgende "Epidiolex" erstmalig mit der getragenen, wenn auch nicht immer friedvollen Grundstimmung des Albums bricht und harte, gebrochene, hochkomprimierte Beatstrukturen zusammen mit apokalypischen Streichersequenzen auf dräuende Sägezahnbasslines treffen lässt, als stünde das Jüngste Gericht in wenigen Sekunden bevor. Einschub zu "Epidiolex": Für Cineasten empfiehlt sich zu diesem Track ein Kopfkino aus urbanen Ruinen, aufsteigendem Rauch und dunkelgrau bis pechschwarzen Wolkengebirgen, an deren unterem Rand sich blutrote Reste des Sonnenuntergangs den Weg in Auge des Betrachters bahnen.

Unter diesem Eindruck scheinen die wundervollen Synthsequenzen und tatsächlich zwitschernden Vögel (ja... Vögel!!! ) in "Troglodyte" - eine Titelgebung, die ebenfalls unzweifelhaft auf die ursprüngliche IDM-Szene verweist; man denke an dieser Stelle zum Beispiel an Titel wie Aphex Twins 1992er "Isoprophlex" - wie die eingekehrte Ruhe nach dem unheilvollen Sturm, auch wenn die mechanisch wirkenden, elektroiden Beats und wobbelnden Basslines noch von vergangenem Grauen künden.

"Feral Dreams" bringt, verortet zwischen Broken Techno, Phonk, Dubstep und Techno Jazz mit meisterhaft modulierten Ravesignalen, tödlichen Subbässen und faszinierenden Stop-and-Go-Sequenzen, heftig Bewegung auf den fortgeschrittenen Dancefloor, "Home Service v2" bewegt sich weitgehend beatlos am Rande von Dark Ambient und eignet sich dank seiner verhallend industrieller Hintergrundgeräusche trotz einlullender Pianoklänge durchaus als Score für den ein oder anderen Horrorfilm, während "Bakelite" hyperdefinierte, abstrakt im Stereofeld verteilte Drums und Percussions, sowie abgrundtiefen Bässe und catchy Signale allmählich zu einem irrsinnigen, transdimensionalen Ravehit zusammensetzt, der allerorten sowohl  für verknotete Beine als auch Synapsen verantwortlich zeichnet. Wahnsinn.

Im weiteren Verlauf führt uns "Echolalia" auf den Pfad des esoterisch angehauchten, engelsgleichen Erleuchtungs-Ambient und auch "Wandle" widmet sich, wenn auch unterlegt mit Beat für den gepflegten SlowMotion-Groove in der ChillOut-Area der Wahl, vollends der Kontemplation und Entspannung und bildet zusammen mit dem finalen Ambient-Meisterwerk "Light Programme v2" den Abschluss eines rundum empfehlenswerten Albums für alle Liebhaber elektronischer Musik jenseits des Dancefloors.

Foto: Brian David Stevens

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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