Ultradigitaler Wohlfühlmodus – „Unfinished Portrait Of Youth Today“ von Hanno Leichtmann

554975_566836773327312_64954463_n

Plunderphonics - ein Genreterminus, der eigentlich schon fast aus dem aktiven Bewusstsein verschwunden war. Das Prinzip dahinter – mensch bediene sich freimütig in der Musikgeschichte, sammle Schnipsel und Fundstücke aus dem persönlichen Archiv, verquirle und modifiziere den Wust der Fragmente ausgiebig und bis zur Unkenntlichkeit, um schlussendlich daraus ein eigenes Werk zu formen.

Hanno Leichtmann
Unfinished Portrait Of Youth Today
Karlrecords
03. Juli 2018
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | HHV | Bandcamp

So lässt sich im Prinzip auch die Herangehensweise des Berliner Urgesteins Hanno Leichtmann an die 29 – allesamt unterhalb der 2 Minuten-Marke verorteten - Tracks seines 2013 als limitierte Cassette auf dem Label mit dem schönen Namen The Tapeworm erschienenen Albums "Unfinished Portrait Of Youth Today" beschreiben, das dieser Tage via Karlrecords erstmals seinen Weg auf, ebenfalls limitiertes, Vinyl findet. Aus den noch vorhandenen Resten seiner ehemals umfangreichen Sammlung an Tapes extrahiert Leichtmann für dieses Album Fragmente seiner Lieblingssongs, bearbeitet diese mit Hilfe eines Modularsystems neu und widersteht dabei der Versuchung einer völligen Verfremdung, um auf diese Weise den Grundcharakter des jeweiligen Samplematerials zu erhalten, ohne jedoch dem geneigten Konsumenten genug akustische Anhalts- und Referenzpunkte zum Erahnen des Quellmaterials zu liefern.

Auf diese Weise entsteht ein sehr kohärent klingendes, ambientes Gesamtwerk, das trotz seiner immanenten Störgeräusche, Knackser und ständiger Skips eine angenehme, fast vertraut heimelige Wärme ausstrahlt, die den Liebhaber abstrakter elektronischer Musik mit einer Unmittelbarkeit verzaubert, die nicht nur in ihrem akustischen Ansatz an das 1994 via Mille Plateaux veröffentlichte Clicks'n'Cuts-Meisterwerk "Systemisch" aus der Feder des damaligen Dreiergespanns Oval erinnert, sondern – trotz technisch unterschiedlicher Herangehensweise – auch ästhetisch und konzeptionell durchaus an dieses heranreicht.

In diesem Sinne und ob dieser eigentlich unmöglichen Leistung einer – wenn auch ungeplanten – Fast-Fortsetzung des "Systemisch"-en ultradigitalen Wohlfühlmodus im Störgeräusch nach knapp 20 Jahren gibt es sehr eine Wertung  nahe der erreichbaren Maximalpunktzahl.

Foto: Michael Tewes 

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.