Und Gut Is – Alice In Chains‘ „The Devil Put Dinosaurs Here“

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Erstaunlich, dass es die Band überhaupt noch gibt. Vermutlich wäre allein diese Tatsache die Berichterstattung wert. 21 Jahre nach der Veröffentlichung eines der wichtigsten Alben des ausgehenden 20. Jahrhunderts und gute zehn Jahre nach dem viel zu frühen Heroin-Tod des Ausnahme-Vokalisten Layne Staley legt der von Gitarrist Jerry Cantrell angeführte Haufen das inzwischen zweite Album mit dem neuen Sänger William DuVall vor. Und die einzige Frage, die sich stellt, ist: Überrascht es ernsthaft auch nur eine Menschenseele, dass "The Devil Put Dinosaurs Here" Alice-in-Chains-typischer nicht hätte ausfallen können?

Alice In Chains
The Devil Put Dinosaurs Here
Capitol / Universal
24. Mai 2013
7 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | Musicload

Von all den ungerechterweise als Grunge-Bands verleumdeten Formationen waren Alice in Chains schon immer die mit Abstand langsamste. Das gilt für ihren Arbeitsethos und die daraus resultierenden Veröffentlichungen ebenso wie für das Tempo ihrer Kompositionen. Ob das als Indiz für übertriebenen Rauschmittelkonsum, anhaltend lähmende Depressionen oder einfach nur künstlerisches Aushängeschild war, lässt sich schwer auseinanderhalten. Fakt ist: Hetzen lassen sich Alice in Chains auch nach ihrer Auferstehung nicht.

Mehr noch: "The Devil Put Dinosaurs Here" ist wie aus der Zeit gefallen. Nahtlos knüpft es eher an das Meisterwerk "Dirt" an, als an die erste Veröffentlichung nach Staleys Tod, "Black Gives Way To Blue". Dafür verantwortlich sind vorrangig drei Dinge. Aus Hörersicht (gibt es so etwas überhaupt?) dürfte über alle Maßen entscheidend sein, dass William DuVall als Frontmann eine überzeugende Figur abgibt. Stimmlich ist er quasi Staleys Next-Door-Neighbor. Wenn auch nicht ganz so nölig und gequält, kompensiert er den Wegfall DER Schlüsselzutat zum Alice in Chains Sound durchaus patent. Dass es dennoch Unterschiede zwischen ihm und seinem charismatischen Vorgänger gibt, wird immer dann deutlich, wenn DuVall alleine singt und nicht von Cantrell gedoppelt wird ("Choke") – dem zweiten wichtigen Klangmerkmal des Quartetts. Die Überlagerungen, Duette und Unisono-Parts, die der Gitarrist früher mit Staley einsang, klingen mit DuVall am Mikrofon genauso unverkennbar und typisch.

Wie der Gitarrist und Hauptsongschreiber Jerry Cantrell seine überwichtige Rolle als Klangarchitekt von Alice in Chains ausfüllt, ist das dritte, entscheidende Charakteristikum der Entdecker der Langsamkeit. In Kurz: Cantrells Riffs auf den tiefer gestimmten Sechs-Saitern sind unverwechselbar. Düster, mollig, reich an Textur, rhythmisch komplex, voll. Das gilt für die Single "Hollow" ebenso wie für "Stone", den ersten Höhepunkt des Albums. Stärker ist nur noch "Lab Monkey", ein Schneckentempo-Kracher dessen hymnischer Refrain für alles entschädigt, was vorher war und später kommt. Auch die leider nicht zum Rest des Albums passen wollenden und damit komplett überflüssigen "Low Ceiling", "Breath On A Window" und "Scalpel". 

Bei zwölf Titel in weit über 60 Minuten ist dieser Makel allerdings noch nicht einmal halb so wild. Das ambitionierte Titelstück und das sogar noch längere "Phantom Limb" machen klar, was bei Cantrell und Co alles noch geht. Mehr davon, bitte.

Photo: Johnny Buzzerio 

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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