Und Noch Ein Radio-Head – „Radio Rewrite“ von Steve Reich

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Wer zu moderner Tanzmusik nicht einfach nur tanzen, sondern sie durchdringen, verstehen und ihre Entstehungsgeschichte ergründen will, kommt an Minimal Music nicht vorbei. Ein Pionier dieser harmonisch-melodisch eher unkomplizierten, dafür aber rhythmisch umso komplexeren Neuen Musik ist der inzwischen fast-greise Steve Reich. Mit "Radio Rewrite" veröffentlicht der Amerikaner nun ein Album mit neuen Interpretationen alter Stücke und einigen von Radiohead inspirierten Neu-Kompositionen. 

Steve Reich
Radio Rewrite
Nonesuch / Warner
10. Oktober 2014
8 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes

Und so geht die Legende: Eher zufällig wurde Reich Zeuge einer Live-Aufführung seines eigenen, aus dem Jahr 1987 stammenden und ursprünglich für Pat Metheny geschriebenen Werkes "Electric Counterpoint". Der Mann, dem Reich wegen der gelungenen Interpretation baff und erstaunt zuhörte, war niemand Geringeres als Jonny Greenwood; seines Zeichens Gitarrist bei Radiohead. Und für Reich das ausschlaggebende Argument, sich vielleicht doch einmal mit dem Oeuvre der einflussreichen Inselrocker auseinanderzusetzen.

Fertig war das fünfteilige Radio Rewrite. Radiohead-Fans, die sich auf weitgehend original-getreue, wenn auch ein wenig nackt dastehende Cover-Versionen gefreut haben, werden überrascht sein, wie wenig eine (angeblich) von Radiohead inspirierte Komposition am Ende nach Radiohead klingen kann. Jedenfalls dann, wenn sie von Steve Reich stammt. Dabei ist über die für Radiohead Verhältnisse ebenso ungewöhnliche Instrumentierung – Flöte, Klarinette, zwei Vibraphone, zwei Klaviere, ein Streichquartett sowie ein Bass - noch kein einziges Wort verloren worden. Reich selber meint dazu: "Das Stück ist ein Ansammlung von Momenten, in denen Radiohead zu hören sind, meistens aber eben nicht.“

Die insgesamt rund 18-minütige Appropriation allerdings gehört weder zu Reichs Greatest Hits im Allgemeinen noch zu den überzeugendsten Stücken des gleichnamigen Albums im Speziellen. Ganz im Gegenteil zu den Einspielungen klassischer Reich-Werke durch Vicky Chow und oben schon erwähnten Jonny Greenwood. Die Genauigkeit, mit der Greenwood die multiplen Gitarrenschichten aufeinander türmt, nebeneinander stapelt und geordnet wieder abbaut, die selige Monotonie, die sich durch die ständige Wiederholung scheinbar stupender Motive unablässig erst einstellt und dann doch wieder auflöst, das befriedigende Ausbleiben jeder konsonanten Auflösung und der unglaubliche Groove, den jede noch so minimale Akzentverschiebung generiert – vom "Electric Counterpoint" geht ein Sog aus, den man einem derart dezidiertem Nicht-Popstück niemals zugetraut hätte.

Ähnliches gilt für das von Vincent Corver als "Piano Counterpoint" umarrangierte und von Vicky Chow interpretierte "Six Pianos" – einer knapp 14-minütigen koordinativen Meisterleistung von Fingern, Handgelenken und Ohren. Die man entweder sofort ablehnt und verabscheut oder am liebsten immer wieder hört. Sie ist es auch, welche die Verbindung zu den ebenso in der zeitgenössischen Dance-Music gültigen Gestaltungsprinzipien Repetition, Monotonie und kleinstmögliche Abweichung am offensichtlichsten macht – trotz fehlender Bassdrum. Nicht, dass Reich diese erfunden hätte. Seit hunderten, wenn nicht gar tausenden Jahren gehören sie zu konstituierenden Merkmalen unterschiedlicher, so genannter exotischer Musikkulturen. Es ist aber Teil von Reichs nicht-exklusivem Verdienst, sie mit dem europäisch-westlichen Klangerbe verschmolzen und so für jeden weiteren Gebrauch urbar gemacht zu haben. Gutgut.

Foto: Wonge Bergmann

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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