Unsterblich schön – „Multi-Love“ von Unknown Mortal Orchestra

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Ruban Nielson ist ein schüchterner Typ. Dass er seine Kopfgeburt und (eigentlich) One-Man-Band zu einem Orchester aufbläst, steht dazu nicht im Widerspruch – es ist das Orchester eine Unbekannten Sterblichen. Das mit dem "unbekannt" allerdings wird sich spätestens mit dem Erscheinen seines dritten Albums "Multi-Love" gewaltig ändern.

Unknown Mortal Orchestra
Multi-Love
Jagjaguwar / Cargo Records
22. Mai 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | JPC

Nielson stammt zwar aus einem musikalischen Elternhaus (sein Vater zeichnet für die Saxofon-Spuren auf "Multi-Love" verantwortlich), am Rebellieren hat es ihn trotzdem nicht gehindert. Über die Punk-Attitüde kam er zur Gitarre und seiner ersten Band The Mint Chicks. Nach zehn Jahren Noise-Experimental-Punk hatte Nielson genug und gründete den Ein-Mann-Klangkörper Unknown Mortal Orchestra. Ließen sich die ersten beiden Alben als Quasi-Solist noch mühelos in den Discographie-Kanon eines lauten Gitarren-Musikers einordnen, nordet Nielson sich und seine Hörer mit "Multi-Love" ganz neu ein.

Aus dem Lo-Fi-Ansatz meißelte Nielson etwas, das sich nach tatsächlicher Studio-Produktion anhört. Die wie Unfälle wirkende Zufalls-Effekte, denen Nielsons Stimmspuren immer wieder zum Opfer fielen, sind ausgereiften Mehrstimmen-Arrangements gewichen. Gitarren werden kaum noch verzerrt, dafür klingen sie jetzt entweder nach Steve Cropper oder Dennis Coffey. Und was den Einsatz von superflächigen Synthesizern angeht, ist Nielson auf "Multi-Love" auch alles andere als zimperlich. Der Eindruck, dass das dritte Unknown Mortal Orchestra Album mehr in Richtung Soul und Pop schielt als jede andere Nielson-Veröffentlichung, täuscht nicht. In Sachen Rhythmus allerdings ist der Beat-Schuster schön bei seinen Leisten geblieben: Gut gegroovt haben die früheren Unknown Mortal Orchestra Scheiben auch. In diesem, neuen Kontext kommt diese Klangdimension allerdings viel besser zu Geltung. Viel besser.

Was "Multi-Love" außerdem aufdeckt, das ist Nielsons Vorliebe für den poppigen R’n’B Funk vom Stile Prince' ("Ur Life One Night"), die Vorliebe der späten Beatles zum Klangexperiment ("Stage Or Screen"), ein beängstigend grandioses Gespür für asymmetrische, teilweise gar a-rhythmische Text-Phrasen, die trotz ihrer Komplexität so eingängig sind, dass sie sich in jedem noch so wenig vorbelasteten Gehörgang verfangen ("Multi-Love" & "Necessary Evil"). Sowie einen Riecher für passende Ausreißer: Obwohl "Can’t Keep Checking My Phone" und "The World Is Crowded" den Klang-Rahmen des Albums wohl am ehesten sprengen, gehören sie zusammen mit dem (Chilly Gonzales-esquen) Titeltrack unzweifelhaft zu den Höhepunkten von "Multi-Love".  Was man vom Wurmfortsatz "Puzzles" nicht behaupten kann. Weil dies aber der so ziemlich einzige Kritikpunkt auf weiter Flur bleibt, fällt der kaum weiter ins Gewicht. Unbedingte Empfehlung. 

Foto: Dusdin Condren

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