Vielseitig beliebig – „Woman“ von Jill Scott

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"Jay Ai El El Es Ci Oh Ti Ti". 15 Jahre ist es her, dass Jill Scott ihren Namen sprechsingend buchstabierte und damit eine ganze Generation von Soul- bzw. R’n’B-Musikern und –Hörern prägte. Jetzt veröffentlicht die Sängerin aus Philadelphia ihr offiziell fünftes Studio-Album.

Jill Scott
Woman
Atlantic / Warner
24. Juli 2018
6 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | JPC

Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Bart, kommt Rasierapparat. Das Sven Regener Zitat trifft auch auf die sich mittlerweile jenseits der 40 tummelnde Diseuse zu. Keines ihrer bislang veröffentlichten Studio-Alben klang diversifizierter und dabei zeitloser als "Woman". Rückblickend lässt sich diese Entwicklung über die vier erschienen Vorgänger zwar nachvollziehen – voraussagen hätte man sie dennoch nicht. Vorbei scheinen die Zeiten eines einheitlichen Klangdesigns – einem Aspekt, von dem ja insbesondere ihr Debüt "Who’s Jill Scott" lebte. Mehr als bei allen anderen Instrumenten macht sich beim Schlagzeug bemerkbar. Ob das daran liegt, dass ihr Entdecker, Förderer und Roots-Drummer Ahmir ?uestlove Thompson nicht mehr von der Partie war?

Wohl auch. Andererseits: Auch auf "Woman" wird Scott von jeder Menge alter Freunde und Weggefährten unterstützt. Die Philly-Soul-Zelle um Pianist und Arrangeur James Poyser ist noch immer aktiv. Und darf deshalb selbstverständlich als verantwortlich für den heterogenen Sound zeichnen. Das Spektrum reicht dabei von klassischen, im Sinne von Aretha Franklin klassischen, Soul-Blues-Balladen wie "Back Together" und "You Don’t Know". In vollem Ornat, das heißt mit Bläsern, Streichern und jeder Menge Pathos singt sich Scott darauf hin zur Erlösung. Der Bewusstseins-Soul von Up-Tempo Krachern à la "Run Run Run", "Closure" und "Coming To You" verbindet die in Melancholie getränkte gute Laune eines Curtis Mayfield mit dem Sound-Schmiss einer Amy Winehouse. Und mit "Lighthouse", "Cruisin" und "Beautiful Love" lässt sie die Nu-Soul Bewegung der frühen Nuller-Jahre wiederauferstehen.

Dann sind da aber noch jene Songs, die quasi ihre ganz eigene Kategorie benötigen. Nicht alle sind über die Maßen gelungen wie "Prepared" und das leicht gespenstige "Fool’s Gold". Dafür gelingt ihr mit "Jahraymecofasola" eine Minnie Ripperton Gedächtnis Hymne der Extraklasse. Was an diesem Ausnahme-Song am meisten beeindruckt, ist wohl, wie versatil die Stimmbandkünstlerin sich vokal geben kann – dass sich Scott auch in anderen Registern und Lagen nicht nur einfach fähig zeigt, sondern geradewegs zu Hause fühlt.

Dennoch: Müsste sich der Autor zwischen "Woman" und "Who’s Jill Scott" entscheiden, würde das sensationelle Debüt immer den Vorzug erhalten. Trotz der vorangegangenen Lobhudelei für "Woman" und entgegen der dem Debüt unterstellten klanglichen Scheuklappen. Die Kehrseite von Vielseitigkeit ist Beliebigkeit. Wenn es eines an "Woman" auszusetzen gibt, dann das.   

Foto: Warner Music

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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