Voll Im Soll – „Algiers“ von Calexico

Nein, Calexico haben diesen Sound nicht erfunden. Aber populär gemacht haben sie ihn. Diese seltsame Mischung aus Süd-Staaten-Gitarren-Klängen, Bläser verliebten Mariachi-Sounds und den zwischen Drogen-High und Armutsgrenze schwankenden Tex-Mex-Tänzen. Auch auf ihrem sechsten Album geben sich Calexico in dieser Hinsicht alles andere als ein Blöße – "Algiers" wäre wohl der perfekte Soundtrack für ein Intellektuellen-Remake von "From Dusk Till Dawn" – und anstelle von Clooney, Tarantino und Hayek mimen John Hurt, Bill Murray und Susan Sarandon.


Calexico Algiers

 

City Slang / Universal 7. September 2012

 

Erhältlich bei: Amazon | iTunes | Musicload


Laut Presseinfo heißt "Algiers" Algiers, weil Algiers jener Stadtteil New Orleans genannt wird, in dem Joey Burns und John Convertino sich für die Aufnahmen in ein Studio eingemietet hatten. Ganz ehrlich: was auch immer die beiden und ihre Mitstreiter dort erlebt haben wollen – hören tut man es auf dem Album kaum. Klar, auch New Orleans liegt im Süden der Staaten, aber das dürfte es in Sachen Gemeinsamkeiten auch schon gewesen sein. Polka, karibische Musik und französische Schimpfwörter unterscheiden sich dann doch ganz erheblich von Nashville, Enchiladas und der Tijuana Brass.

Sei’s drum. "Algiers" klingt vor allem ziemlich erwachsen, gestanden, um nicht zu sagen arriviert. Den beiden Chef-Calexikanern allerdings steht diese selbstbewusste Routine gut. Selbst dann, wenn der Autor das Gefühl hat, diese Entwicklung ginge vermehrt auf Kosten musikalischer Experimentierfreude. "Maybe on Monday" ist einer der Songs, bei denen die Abgrenzung zu anderen modernen MOR-Rock-Poppern bedenklich schwer fällt. Dass Calexico unmittelbar danach mit "Puerto" eine Nummer bringen, die nicht nur als Kompensat entschädigt, ist dann auch Ausdruck ihrer unangefochtenen Klang-Kompetenz. "Puerto" ist so komplett, dass die Annahme, der Song spiegele die Essenz dessen wieder, was Calexico bis heute aus- und gleichzeitig so anders macht, kein Stück mehr weithergeholt klingt.

Was aber tun, wenn man als Band an einen Punkt gelangt, der das Zentrum dessen markiert, das zu finden man sich einst überhaupt erst zusammengetan hatte. Denn: wie viele Alben wollen, können und sollen Calexico auf genau diese Art noch machen? – Das schlechte Gewissen des faulen  Rezensenten allerdings keckt sogleich zurück: Da kann man ja auch Michael Schumacher fragen, ob ihm der fünfte WM-Sieg mehr bedeute als der letzte. Deshalb folgt an dieser Stelle ein weiteres Video:

Wie der Clip nicht beweist, funktioniert die Musik Calexicos auch diesseits der Gebrüder Coen-Landschaften, im mitunter minusgradigen Nord-Ost-Europa. Und weil das so ist, braucht nicht nur Nord-Ost-Europa noch sehr viel mehr Calexico. Weitermachen, bitte!

photo: Jairo Zavala

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

Sliding Sidebar

About Me

About Me

Ihr seid auf der Suche nach „großartiger Musik“? - Dann seid Ihr hier genau richtig: JOINMUSIC.COM informiert über Tracks, Playlists, Reviews und Hintergrund-Stories von Künstlern, die den Unterschied machen.

Wenn wir finden, dass ein Track, ein Video, ein Künstler oder gar ein ganzes Album im Netz Beachtung finden sollte, dann schreiben wir darüber. Wenn ihr findet, dass ein Thema bei uns Beachtung finden sollte, dann schreibt uns einfach unter info@joinmusic.com.