Weder Frisch Noch Fleisch – „Food“ von Kelis

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Um Konventionen hat sich Kelis noch nie geschert. Um Traditionen nur, wenn es neue zu begründen galt. Wohl auch deshalb nennt Kelis Rogers ihr inzwischen sechstes Studio-Album un-google-bar und auch ein wenig belanglos "Food".

Kelis
Food
Ninja Tune / Rough Trade
18. April 2014
5 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | HHV

Und selbstverständlich gibt es auch dafür einen Hinter-Grund: Essen spielt in Kelis Leben spätestens seit ihrem passenderweise "Tasty" genannten dritten Album eine ganz besondere Rolle. Zwischen 2006 und 2010 absolvierte die R’n’B Chanteuse gar eine Ausbildung zum Saucier – wenn man so will der Grundstein für ihre zweite Karriere zwischen prominenter Brühwürfel-Herstellerin und TV-Koch-Shows. Ironischerweise überlässt die Sängerin das Anrühren der musikalisch Soße noch immer anderen: von den Neptunes, über Boys Noize, Tocadisco und SKREAM bis zu Dave Sitek, dem Küchenchef für "Food".

Dass Kelis sich auch auf ihrem sechsten Studio-Album nicht um wessen Erwartungshaltung auch immer kümmern würde, davon war auszugehen. Dass sie ihre künstlerische Wandelbarkeit aber derart radikal auslebt, konnte keiner ahnen. Von den noch auf "Flesh Tone" alles andere in den Schatten stellenden digitalen Dance-Beats ist auf "Food" nicht einmal die Erinnerung geblieben. Stattdessen hat ihr Sitek eine Diät aus Old-School-Soul, Funk-Bläsern und Big Band-Streichern verordnet, an der selbst die tolerantesten Hörer zunächst ganz schön zu schlucken haben werden.

Nicht, dass Kelis nicht wiederzuerkennen wäre. Mit ihren Stimmbändern wäre das ohnehin kaum möglich. Und Dave Sitek der Suboptimalität zu zeihen, liegt dem Autoren ähnlich fern. Dennoch fühlt sich vieles auf "Food" so passend an wie Osterlamm auf Bananen-Püree. Deshalb klingt "Forever Be" auch so nach einem The Verve-Abklatsch statt nach dem imposanten Großes-Orchester-Drama, das es hätte sein können. Darum hört man bei "Cobbler" vor allem die Nähe zu Sheryl Crows "All I Wanna Do" anstatt von den karibischer Rhythmen angetan zu sein. Gleichzeitig bleibt "Dreamer" trotz seiner epischen Anlage seltsam blass. Von der Verschlimmbesserung eines der schönsten unbekanntesten Sahnestücke der gesamten Pop-Geschichte – Labi Siffres "Bless The Telephone" – gar nicht erst zu reden.

Wenn sich Orchester, Rhythmik und Kelis mal nicht gegenseitg im Weg stehen, lässt sich erahnen, was theoretisch noch möglich gewesen wäre – wie zum Beispiel beim Opener "Breakfast" oder dem nach Peter Lustigs "Löwenzahn" klingenden "Rumble". Höhepunkt dieser wenigen Ausnahmen jedoch ist "Hooch" – ein Soul-Funk Groover wie ihn weder Millie Jackson noch Betty Davis je hingekriegt haben. Fazit: "Food" schmeckt ok – macht aber leider so gar nicht satt.  

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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