Wenn das Mastering versagt – „A Taller Us“ von Foxtrott

Foxtrott

Foxtrott. Ein Tanz, dessen Namen die meisten Menschen, der Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen, wohl zum letzten Mal in jungen Teenagerjahren in der Tanzschule gehört und danach wohl auch schnell wieder verdrängt haben. Doch halt, hier geht es natürlich nicht um Standardtanz, sondern um das musikalische Alias der in Montreal verorteten Musikerin Marie-Helene Delorme. Foxtrott eben.

Foxtrott
A Taller Us
One Little Indian / Rough Trade
 
3 / 10
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Unter diesem Namen veröffentlichte die Kanadierin jüngst ihr Erstlingsalbum "A Taller Us", dass sich mit zwölf komplexen und dennoch tanzflächenkompatiblen Popsongs als eine der angenehmen Endjahresüberraschungen positionieren könnte. Könnte – ein bewusst gewählter Konjunktiv, denn im Verlauf des fast vierzigminütigen Albums beschleicht den Schreiber das Gefühl, dass die schon im Opener "Driven" seltsam überkomprimiert und zerrig wirkende Soundästhetik tatsächlich entweder aus unerfindlichen Gründen bewusst gewähltes Stilmittel oder einem schlichten Mastering-Fail geschuldet ist und "A Taller Us" schon deshalb weit hinter seinem eigentlichen Potential zurückbleibt.

So hätte, mit erneutem Konjunktiv, das aus schleichenden Viervierteln aufgebaute "Beyond Our Means" durchaus das Zeug zum Ohrwurm und Indie meets SynthPop-Hit für spätnächtliche Tanzflächen, wirkt jedoch ob eines konsequent zu führenden Kampfes gegen Limiter und Kompressoren seltsam platt und untenrum schwach, das sehnsuchtsvolle "Shields" mit seinen marimba'esk karibischen Melodien klingt mehr nach Pauschaltourismus denn nach Individualreise und die im Idealfall treibenden Drums und UK Bass-Anleihen des future-souligen "Untake Me" klingen durchweg pappig und entfalten nicht ansatzweise den nötigen Druck im tieffrequenten Bereich.

Auch das eigentlich grossartige "Mountain Rose High" mit seinen fröhlichen Synthesizern wirft die Frage auf, seit wann eigentlich ungelernte 450€-Kräfte mit Hörschäden an Masteringstudios vermittelt werden, denn auch hier hätte es weniger Kompression, mehr Dynamik und vor allem Headroom bedurft, um den Song zu dem Hit zu machen, der er sein sollte, die PostGarage-Referenzen in "Gated" verschlucken sich an ihren eigenen Melodieverläufen und auch das polyrhythmische "Brother" mit seinen leicht beschwingten AfroFunk-Referenzen zu gewaltiger Stimme bleibt, der Zusatz 'natürlich' sei an dieser Stelle verziehen, weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Der heftige Kopfnickerbeat von "Colors" mit seinem eigentlich lebhaften Synthbasslines und grossleinwandigen Vokalbreakdowns klingt eher monochrom als farbenfroh, obwohl der Track den clubtauglichsten Crossover-Ansatz des Albums vorzuweisen hat, die "Patience"-Eröffnungsworte 'What's the texture of this thing?' wirken in diesem Zusammenhang wie auf den Gesamtklang des Langspielers gemünzt und mensch fragt sich erneut, warum zur Hölle dieser eigentlich unendlich feine Beat trotz angezogenen Tempos nicht nach vorne geht und sich die Tanzfläche nicht dazu bewegt.

"Shaky Hands" knüpft an die musikalische Herangehensweise von "Colors" an, bringt gute Beats und ernstzunehmend euphorische Vocals, die glorreich auf halbem Weg zum Hit am Mastering scheitern, und auch das finale "Heads Under Water" mit seinem IndieElektro-Ansatz und Anknüpfungspunkten in Richtung EDM wird ohne erneute Überarbeitung wohl nie ernsthaft für die Wirkung auf dem Tanzflur sorgen, die dem Song eigentlich zuzutrauen ist.

So kann es gehen und wir bewerten "A Taller Us" als erstes Album überhaupt nach zwei voneinander losgelösten Kriterien:

Songwriting/Potential: 8/10 + Mastering: ganz schlecht 0/10 = Overall 3/10

„DJ – Producer - Label Manager - Networking Person - Music Journalist“, dazu unter anderem Plattendealer und konsequenter Verteidiger der analogen DJ- und Tonträgerkultur. Hört „Quality [electronic] Music“ - und zwar so gut wie ausschliesslich von Vinyl und Tapes. Spezialist für eben jene der abseitigeren Art mit dem Ruf eines wandelnden Musiklexikons.   Nitestylez | TwitterSoundcloudMixcloud | Facebook | Tumblr | Youtube

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