Wenn Nido nicht mehr hilft – „Sirens“ von The Weepies

Weepies - General Press 3

Wer sich The Weepies nennt, darf den Selbstironie-Test überspringen. Und wem es dann noch gelingt, Pop, Folk, Americana und das Beste zwischen den Fun Lovin' Criminals und The Carpenters so zu mixen wie einen guten Drink, der zählt. Enter: "Sirens", das fünfte Album des kalifornischen Duos The Weepies.

The Weepies
Sirens
Nettwerk / Soulfood
24. April 2015
9 / 10
Erhältlich bei Amazon | iTunes | The Weepies Store

"Ich freute mich zu früh, dachte nicht daran, dass 10 Jahre lange sind – vielleicht viel zu lang." Sagen wir so: Aus der Sicht einer Wannsee-Kaulquappe mag Dagoberts Einschätzung möglicherweise zutreffen. Aus der Sicht Deb Talan und Steve Dannens allerdings sieht’s anders aus: Kennenlernen, Heiraten, drei Kinder bekommen, vier Alben aufnehmen, Krebserkrankung überleben. Und sich danach die Kraft für den fünften Longplayer – "Sirens" – aus den Rippen schneiden. Das alles innerhalb einer Dekade. Und die beste Nachricht: "Sirens" klingt kein Stück nach gestressten Nido-Eltern.

"Sirens" ist weder die opulenteste Weepies-Scheibe, noch die am aufwendigsten produzierte. Dafür aber wohl diejenige mit dem größten Augenmerk noch für das kleinste Detail. Abgesehen davon, dass es sich auch um das am wenigsten country-eske Album der Eltern aus dem Sonnenstaat handelt, sitzt auf "Sirens" jeder Hi-Hat-Tippser, jeder Saiten-Triller und jede verschleppte Chor-Silbe. Effizienz ist das falsche Wort. Klang-Ökonomie trifft es eher. Dazu kommt ein fast schon fantastisches Gespür für den Moment, an dem die Melodie Haken schlagen kann, ohne zu verstören oder gar dem Hörgenuss entfleucht. So wie beim Titelstück, zum Beispiel. Ähnlich einem beherzten "Fuck" in den ansonsten absolut familientauglichen Texten gleicht der Effekt eher dem einer ungewöhnlichen Aromen-Mische: Salz-Mandel-Eis? – Nicht schlecht. Das geht also auch.

Persönlich hätte sich der Autor mehr Songs vom Kaliber "Fancy Wings" oder auch "no Trouble" gewünscht. Mit einer vollmundigen Backing-Band wie dieser könnte Deb Talan zu ganz neuen Ufern aufbrechen. Gesanglich, versteht sich. Ihr Timbre, das normalerweise irgendwo zwischen Suzanne Vega ("Wild Boy") und Jenny Lewis ("Boys Who Want To Be Girls") changiert, hat noch mehr drauf. Auch wenn die zweite Hälfte der insgesamt 16 Tracks starken Platte nicht ganz so überzeugt – Sommerabende, seid willkommen. Ob das ein wenig hastig vorbeihuschende "Learning To Fly"-Cover sein gemusst hat, bleibt der einzig mögliche Makel. 

Foto: Robert Sebree

Geboren in: Magdeburg - stop - Zuhause in: Berlin - stop - Sammelt vor allem: Kochbücher - stop - Spezialist für: Kachelfunk, Power-Pop & Ostblock-Big Bands - stop - Zitiert am liebsten: Mitch Hedberg - stop - Endziel: Nobelpreis für alle - stop -

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